Rezipienten

Die Rezipienten sind bei jedem Mediengeschehen, wie auch insbesondere bei Medienumbrüchen, ein entscheidender Faktor: Nicht nur sind Produzenten erst einmal selbst Rezipienten von alten und neuen Medien, sie handeln auch unter einer bestimmten Vorstellung von ihren Rezipienten, und diese prägen die Prozesse wiederum maßgeblich mit (durch Unterstützung oder Verweigerung der Angebote, durch Artikulation von Kritik etc.). Es sollen in der Arbeitsgruppe also z. B. folgende Fragen untersucht werden: Welche Rolle spielen die Rezipienten bei Medienumbrüchen? Sind sie ihnen passiv ausgesetzt, gestalten sie sie mit und wenn ja, in welchem Maß und wie? Inwieweit ändern sich die Rezipienten wiederum sogar selbst durch die Veränderungen der Medien, von denen sie umgeben sind und die sie nutzen? Als erstes Problem bei der Beantwortung solcher Fragen stellt sich aber nun heraus, daß der 'Rezipient' in der Medienforschung nicht nur mit verschiedenen Begriffen bezeichnet wird, er wird auch in unterschiedlichen Disziplinen, ja sogar innerhalb einer Disziplin, völlig verschieden konzeptionalisiert. Dies ist jeweils nicht nur durch unterschiedliche Theorien und Methoden bedingt, die in den einzelnen Disziplinen dominant sind, sondern auch durch die Medien, mit denen sie sich vorwiegend beschäftigen.

So gibt es in der Literaturwissenschaft sowohl den 'empirischen Leser' (empirische Leseforschung) wie auch den 'impliziten Leser' (Rezeptionsästhetik). In der Filmwissenschaft kennt man sowohl den 'spectator' (psychoanalytisch-ideologiekritische Ansätze) wie auch 'audience' (sozialwissenschaftlich orientierte Ansätze). In der Massenkommunikationsforschung geht es oft um den 'viewer', denn überwiegend werden TV-Rezipienten untersucht. Und in verschiedenen Ansätzen zu den neuen Medien spricht man 'user', womit besonders die Interaktivität betont wird. Verschiedene Forscher sprechen also nicht nur oft von völlig verschiedenen Gegenständen, ohne daß dies immer bewußt oder expliziert würde, sondern die spezifischen Vor- und Nachteile werden nicht so systematisch gesammelt, daß ein Forschungsfortschritt genügend erzielt oder wahrnehmbar wird. Z. B. bleibt die Frage nach den methodischen Möglichkeiten der empirischen Erforschung der HISTORISCHEN Rezipienten ein zu wenig diskutiertes und nach wie vor unbefriedigend gelöstes Problem, da sich das historische Interesse der Geistes- und Kulturwissenschaften mit den empirischen Methoden der Sozialwissenschaften, die sich überwiegend mit der Gegenwart beschäftigen, nicht leicht befriedigen läßt, ein Dialog aufgrund inkompatibel erscheinender Schwerpunkte und Konzepte oft nicht einmal zustande kommt.

Das Ziel ist, bestehende Ansätze zu Rezipienten nicht nur aufzuarbeiten, sondern darüber hinaus die seltene Chance der Transdisziplinarität des Projektes zu nutzen, dabei auch einen Forschungsfortschritt zu erzielen. Geplant sind ein Workshop mit internationalen Gästen sowie die Ergebnisse in der Zeitschrift Navigationen (voraussichtlich 1/2009) zu publizieren. An der Arbeitsgruppe sind Mitarbeiter der Projekte A2, A3, A5, A8 und B9 beteiligt.

Nachwuchsforscher

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