Analog/Digital - Opposition oder Kontinuum?

Zur Theorie und Geschichte einer Unterscheidung

Herausgeber:
Alexander Böhnke, Jens Schröter
Autoren:
Alexander Böhnke, Helmut Schanze, Jens Schröter, Jörgen Schäfer, Georg Stanitzek, Matthias Uhl

Transcript, Bielefeld 2004
ISBN-Nr.: 3-89942-254-6

digitale Ausgabe

Die Opposition der 'neuen digitalen' zu den 'alten analogen' Medien findet sich in Werbung, Popkultur, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Offenbar hat sich die Unterscheidung analog/digital zur paradigmatischen Leitdifferenz des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts entwickelt. Doch was bedeutet 'analog' bzw. 'digital' in verschiedenen Kontexten genau und gibt es nicht auch Übergänge zwischen beiden Formen? Wann taucht die Unterscheidung auf und in welchem Zusammenhang? Indem sich die Anthologie mit diesen und anderen Fragen aus verschiedenen Perspektiven beschäftigt, räumt sie ein erhebliches Forschungsdefizit nicht nur in den Medienwissenschaften aus.




Rezensionen:


erschienen in: Das Argument, 261/2005

Als »die medienhistorische und -theoretische Leitdifferenz der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts« (9) wollen Hg. die Unterscheidung analog/digital verstanden wissen. Spätestens seit der Markteinführung der Compact Disc im Jahr 1982 ist das Schlagwort der Digitalität omnipräsent. Wirtschaft und Wissenschaft beschwören die digitale Revolution ebenso wie Popularkultur und Marketing. Gerade die in den 80ern leidenschaftlich geführten Diskussionen um Vor- und Nachteile der CD gegenüber ihrem analogen Vorgänger LP zeigen exemplarisch, dass die medientechnische Differenz immer auch einen >ideologischen Mehrwert< kommuniziert. So konnotiert das neue Digitale auf diffuse Weise Fortschritt, Technizität und Künstlichkeit, während das alte Analoge schnell zum Signifikanten für Nostalgie, Natürlichkeit und Echtheit wurde.

Die interessantesten Beiträge sind jene, die dem Zusammenspiel von theoretischen Definitionsversuchen und historischer Semantik der technisch gedachten Differenz nachspüren. Sie finden sich hauptsächlich im zweiten, mit »Geschichte« überschriebenen Teil, der die diskursive Relevanz der (damals noch nicht explizit formulierten) Begriffsopposition bis ins 19. Jh. zurückverfolgt. Der erste Teil hingegen versammelt unter der Überschrift »Theorie« vornehmlich Versuche, die Differenz analog/digital auf normative Weise zeichen-, medien- bzw. systemtheoretisch zu bestimmen. Die Ansätze beziehen sich dabei vor allem auf drei theoretische Referenzen: die Symboltheorie Nelson Goodmarts, die medientechnische Perspektive Friedrich Kittlers und die systemtheoretische Medium/Form-Unterscheidung Niklas Luhmanns. Goodman formulierte bereits 1968, lange vor dem globalen Siegeszug digitaler Medientechniken, eine grundsätzliche Unterscheidung verschiedener Zeichensysteme. Analog ist ein Zeichen demnach (u.a.), wenn alle seine materiellen Attribute bedeutungskonstitutiv sind (Malerei), digital hingegen sind disjunkte Zeichen eines Symbolrepertoires (Alphabet, Ziffern), deren konkrete Materialisierung nicht bedeutungsrelevant ist. (So ändern z.B. Farbe oder Form einer gedruckten Ziffer nichts an ihrem Wen.) Kittlers Differenzierung von analog und digital setzt dagegen auf der Hardware-Ebene technischer Medien an und unterscheidet Analogmedien, die stetige Eingangssignale in ebenfalls stetige Aufnahmedaten verwandeln (Grammophon, Film), von Digitalmedien, welche stetige Eingangsdaten durch diskrete Abtastung in einen Code aus einer endlichen Zahl disjunkter Zeichen übersetzen (z.B. den Binärcode 0/1 des Computers). Luhmann wiederum bringt die Begriffe in seiner Unterscheidung von Medium und Form ins Spiel: lose Kopplungen der Elemente eines Mediums zu einer Form (z.B. ein Fußabdruck im Sand) sind nur möglich, wenn die Elemente weder vollkommen unabhängig voneinander (digital), noch direkt miteinander verbunden (analog) sind.

Fast alle Texte im ersten Teil nehmen explizit Bezug auf mindestens eine dieser drei theoretischen Vorlagen. So versucht Hartmut Winkler die medientechnische Differenz als Genderdifferenz zu denken, Leander Scholz analysiert mit Luhmann die Rasterfahndung als biopolitisches Modell von Gesellschaftsordnung. Vor allem die Beiträge von Wolfgang Ernst und Helmut Schanze zeigen, wie der Gestus unterkühlter Sachlichkeit schnell in hitzige Grundsatzdiskussionen umschlagen kann. Feiert Ernst in Fortschreibung Kittlers die Durchsetzung des Digitalen als das Ende der »Metaphern der erzählenden Vernunft« (65), das jeden Bezug auf den Menschen als anachronistischen Rückfall hinter den Status quo aktueller Computertechnik erscheinen lässt, sieht Schanze mit den digitalen Medien die grundlegende Differenz von Sein und Schein bedroht und damit »die apokalyptischsten aller Visionen [...] diabolisch realisierbar geworden« (78).

Die beiden nehmen vorweg, was dann in den Beiträgen zur semantischen Geschichte der Begriffe eigentlicher Gegenstand der Analyse ist: Die politisch-diskursive Aufladung der in Frage stehenden Kategorien. So kann Albert Kümmel am Beispiel fernsehtheoretischer Diskussionen der Weimarer Republik zeigen, wie sich scheinbar nüchtern-technische Debatten um neue Bildübertragungstechniken mit einem konkreten politischen Subtext verbanden. Nicht zufällig wählte der Fernsehtheoretiker Peter Lenes 1926 das Wort »Deutschland« in handschriftlicher Sütterlin als Beispiel diskret-digitaler Zerlegung und Wiederzusammensetzung fernübertragener Bilder. Als semantischen Überschuss kommunizierten diese Ausführungen den nationalistischen Traum eines Wiederaufstiegs des zerstückelten Deutschlands im neuen Medium des Rundfunks.

Auf den »strategischen Grund des Digitalen« (296) verweist der Aufsatz von Claus Pias. Sein detaillierter Nachvollzug der theoretischen Gründungsdebatten der Kybernetik Ende der 1940er Jahre verdeutlicht, wie das Postulat des Digitalen als Medium allen Wissens in Computertechnik, Wirtschaft, Nervengewebe und Psyche auf einem »Diskursverbot«, nämlich der »Unterdrückung eines notwendigen Dritten (des Kontinuums, der Passage, der Materialität)« (307f), gründete. Letztlich waren es die praktischen Forderungen von »Industrie, Wirtschaft und Verwaltung« (309), die den epistemologischen Grundsatzfragen der Kybernetik ein Ende bereiteten und dem Digitalen als einem im Computer technisch implementierbaren und damit nicht zuletzt auch in der Militärtechnik anwendbaren Modell des Denkens zum Durchbruch verhalfen. Indem Pias zeigt, inwieweit die Dichotomie analog/digital immer beides zugleich war und ist - medientechnische Differenz und diskursives Argument -formulierter gewissermaßen das Fazit des vorliegenden Bandes, dem es als Ganzem gelingt, gerade in der Zusammenschau ganz verschiedener Perspektiven die Dichotomie analog/digital als signifikanten Kreuzungspunkt der Diskurse von Technik, Theorie, Wirtschaft und Politik zu markieren.

von Sven Werkmeister (Berlin)





erschienen in: Hefte für Gegenwartskunst, Heft 1, 2005

Analog und/oder Digital: Kaum ein anderes Begriffspaar hat die Diskussion um die so genannten Neuen Medien in den letzten Jahren so bestimmt wie dieses. Und kein anderes wurde in gleichem Maße strapaziert um die Erfolgsgeschichte der digitalen Medien zu schreiben: der Computer als digitales Supermedium, das alle analogen »Vorgängermedien« in sich aufnimmt. Auch in der Mediengeschichte wird die Wende von den analogen zu den digitalen Medien oft als Zäsur verstanden. Als deren theoretische Leitdifferenz fungiert die Unterscheidung analog/digital: Die Fragwürdigkeit dieser Geschichte untersucht der von Jens Schröter und Alexander Böhnke herausgegebene umfangreiche Band »Analog/Di- gital-Opposition oder Kontinuum?«.

Das Spektrum der verhandelten Medien und Gegenstände in den einzelnen Beiträgen ist entsprechend breit. Es reicht von den »ältesten« zu den »jüngsten« Medien. von der Schrift bis zum Computer, und umfasst auch Bereiche wie Kryptologie und Kriminalistik.

Wie Jens Schröter in seiner Einleitung betont, wird die Zäsur nicht nur zeitlich verschieden angesetzt, sondern auch die Unterscheidung analog/digital bleibt durchaus diffus und ideologisch befrachtet: Sie impliziert bis heute eine Hierarchie in der das Binär-Digitale als das Omnipotente erscheint. Diese Annahme gipfelte in der Gleichsetzung von Denken und Digitalität und in der Utopie eines Elektronengehirns die sich jedoch mittlerweile als zu optimistisch herausgestellt hat. Kompliziert wird die Annahme eines generellen Gegensatzes noch durch den Befund, dass ein Medium »auf verschiedenen Ebenen zugleich analog und digital sein kann«. Dies bestätigt der Beitrag von John Haugeland, der die Grenzen der Digitalisierbarkeit analoger Vorrichtungen bestimmt.

Verdächtig waren die Hymnen auf das digitale Zeitalter und seine Möglichkeiten scheinbar grenzenloser Wirklichkeitssimulation bereits Medientheoretikern wie Norbert Wiener. In Theorie und Praxis erwies sich die Unterscheidung dieser Begriffe als schwierig, nicht nur weil das Digitale oft vorschnell mit dem Binären gleichgesetzt wurde, sondern weil ihre Verwendung von den jeweiligen theoretischen oder praktischen Umständen abzuhängen schien. So kam es, dass ihre Abgrenzung die Unterscheidung erst stabilisierte. Wolfgang Ernst plädiert deshalb dafür, die Diskontinuitäten zwischen vergangenen und gegenwärtigen Mediensystemen« im Blick zu behalten; um eine Universalisierung des Digitalen zu vermeiden. Für ihn macht die emphatisch verteidigte Analog/Digital-Differenz »allein aus medienanthropologischer Perspektive Sinn«, das heißt, für menschliche BeobachterInnen und ihre Sinne, weil für sie digitale Daten nur analog wahrnehmbar sind.

Besonders am Begriff der Grenze prüfen viele Beiträge des Bandes die Zulässigkeit der strikten Unterscheidung in analoge und digitale Medien. Auch der bereits veröffentlichte Bei- trag von Hartmut Winkler übt Kritik an der Hegemonie des Digitalen, in- dem er ihm das Analoge als notwendige »Instanz des Einspruchs« zur Seite stellt. Ausgehend von der systemtheoretischen Medium/Form- Unterscheidung fragt der Beitrag von Leander Scholz nach Figuren der »medialen Latenz«, nach der bestimmenden Unbestimmtheit von Medienvorgängen. Digitale Medien zeichnen sich in dieser Perspektive durch gesteigerte Möglichkeiten der Kombination von Datenmengen und Prospektion (und im besonderen Anwendungsfall der Kriminalistik: der Prävention) aus, die sich sowohl für eine umfassende Kontrolle der Gesellschaft als auch zur freien Meinungsbildung nutzen lassen. Entscheidend ist der jeweilige Kontext der Mediennutzung.

Gleich zwei Beiträge widmen sich der Bildtelegrafie als hybrides Mediensystem zwischen Analogizität und Digitalität. Geoffrey Batchen verknüpft seine Kritik an Lev Manovichs »The Language of New Media« mit einer archäologischen Rekonstruktion der gleichzeitigen Anfänge von Fotografie, »Computik« und elektrischer Telegrafie, die er in die Entwicklung der Bildtelegrafie gipfeln sieht -aus genealogischer Sicht sind Neue Medien also keineswegs so neu, wie sie scheinen mögen. An der komplizierten Geschichte der Bildtelegrafie lässt sich exemplarisch zei-gen, dass viele Medien auf analogen Anordnungen und digitalen Verarbeitungen basieren, ohne dass diese Begriffe überhaupt eine Rolle spiegeln. Albert Kümmel weist zudem dar-

auf hin, dass sich Erfolgsgeschichten von Medien - welcher Provenienz auch immer -: nur um den Preis von Auslassungen erzählen Jassen.

Eine solche Geschichte berichtet auch Claus Pias in seinem spannenden Beitrag über die wechselvolle Geschichte der Kybernetik und ihre Ablösung durch die anwendungs- und lösungsorientierte Informatik. Ausgerechnet die Kybernetik, für deren Epistemologie die Unterscheidung analog/digital in den vierziger Jahren prägend war, plädierte für hybride Rechnerstrukturen an der unscharfen Mensch-Maschine.Grenze, um Übersetzungsproblemen zwischen dem analogen Realen und dem digitalen Symbolischen zu begegnen. Weil sie jedoch weniger an der digitalen lmplementierung dieses Realen interessiert war, hatte sie das Nachsehen gegenüber dem binär-digitalen Computermodell John von Neumanns. Pias betont, dass erst der diskursive und institutionelle Ausschluss der Kybernetik dem Digitalen zum Erfolg verholfen hat.

Der Band ist in einen Theorie- und einen Geschichtsteil gegliedert, die der Untertitel mit einem »und« verbindet. Damit wiederholt er in der Anordnung der einzelnen Texte genau die Konstellation des Begriffspaars analog/digital und entscheidet sich für ihre Konjunktion. Obwohl die Beiträge des Bandes eindeutig entweder dem Bereich der Geschichte

oder dem Bereich der Theorie zugeordnet werden (etwas anderes ließe das Medium Buch auch gar nicht zu), schreiben sie wie Wolfgang Ernst (»Theorie«) oder Claus Pias (»Geschichte«) im besten Falle Theoriegeschichte.

von Petra Löffler





Publikationen

U
@
Valid XHTML 1.1 Valid CSS!