Theater und Schaulust im aktuellen Film


Herausgeber:
Michael Lommel, Isabel Maurer-Queipo, Nanette Rißler-Pipka
Autoren:
Marijana Erstic, Walburga Hülk-Althoff, Michael Lommel, Isabel Maurer-Queipo, Nanette Rißler-Pipka, Volker Roloff, Gregor Schuhen

Transcript, Bielefeld 2004
ISBN-Nr.: 3-89942-181-7

Die Publikation Theater und Schaulust im aktuellen Film dokumentiert die Aktualität und Weiterentwicklung der Theater/Film-Kombinationen im Kontext der Jahrtausendwende, des digitalen Medienumbruchs, der Medienmischungen und Hybridisierungen, der spektakulären und performativen Medienkulturen. Neueste Theaterfilme von Almodóvar, Benigni, Breillat, Chéreau, Jeunet, Marciano, Oliveira, Ozon und Rivette veranschaulichen, dass die Spielräume, ästhetischen Möglichkeiten und Interaktionen des szenischen und filmischen Mediums keineswegs erschöpft sind, sondern zu neuen Varianten und Aktualisierungen herausfordern. Die Beiträge verdeutlichen die Kontinuität der "klassischen" französischen Theaterfilme der ersten Tonfilmdekade in der Gegenwart. Die intermedialen Verfahrensweisen zwischen Transformation und Innovation, aber auch die Brüche und Veränderungen, werden von den aktuellen Theaterfilmen reflektiert und vorgeführt. Darin zeigt sich zugleich die Fruchtbarkeit der intermedialen Konzepte und Untersuchungsmethoden, die für die Analyse aktueller Theaterfilm-Experimente weiterentwickelt werden können.




Rezensionen:


erschienen in: Freiburger FrauenStudien, Band 16/ 2005

Westeuropäischer Autorenfilm und Theatralisierung

Dass es eine enge Verbindung zwischen der Filmkunst und dem Theater gibt, zeigt der Beginn der Filmgeschichte: Hatten die Brüder Lumière dokumentarisch gearbeitet, so kommt Georges Méliès vom Theater. Er erfindet gewissermaßen den Spielfilm und inszeniert 1896 die ersten Filme, baut in einem Studio Kulissen auf, erfindet die ersten Filmtricks. Bis auf den heutigen Tag finden sich enge Verflechtungen von Theater und Kino, so personell durch Schauspieler, inhaltlich durch wechselseitige Adaption von Filmstoffen und Stücken. Dass für den Sammelband Theater und Schaulust im aktuellen Film der Begriff des Theaterfilms nicht nur für die üblichen Theaterverfilmungen und die allzu offensichtliche Verwendung von Theaterelementen im Film genutzt wird, sondern dieser Begriff weiter gefasst wird und somit weniger offenkundige Verflechtungen von Kino und Theater ins Zentrum des Interesses rücken können, ist zu begrüßen. Allerdings stellt sich die Frage, ob der Versuch,

"Theaterfilme als Werkstätten einer intermedialen Reflexion zu begreifen, die die Prozesse der Medialisierung der Öffentlichkeit, der Inszenierbarkeit privater und öffentlicher Schauspiele zugleich darstellen und analysieren; und damit Inszenierung und Simulation als Elemente einer ,société du spectacle', insbesondere unserer gegenwärtigen Mediengesellschaft durchschaubar machen." (S. 9)

nicht weit über dieses Ziel hinausschießt.

Neben einleitenden Bemerkungen zum aktuellen Theaterfilm von Volker Roloff finden sich in dem Band neun Einzelfilmanalysen zu Roberto Begninis Das Leben ist schön, Jacques Rivettes Va savoir, Jean-Pierre Jeunets Wunderbare Welt der Amélie, François Ozons Acht Frauen, Manoel de Oliveiras Ich geh' nach Hause, Pedro Almodovars Alles über meine Mutter, Catherine Breillats Romance, Patrice Chéreaus Intimacy und einem Kurzfilm von Yvon Marciano.

Die im Vorwort behauptete "Renaissance der Theatralisierung" im Kino wird durch diesen Band jedenfalls nicht plausibel gemacht. Dies liegt zum einen daran, dass der Band Einzelanalysen versammelt, die relativ unverbunden nebeneinander stehen. "Theatralisierung" eignet sich hier als Klammer nur sehr bedingt, weil der Begriff letztlich so weit geöffnet wurde, dass er - in Bezug auf die ausgewählten Filme - eben doch recht beliebig wird. So wird bei einzelnen Beiträgen, so z. B. bei der Analyse von Alles über meine Mutter, die Fruchtbarkeit einer Lesart, die nach Theatralisierung fragt, durchaus deutlich. Bei der - ansonsten durchaus gelungenen - Analyse von Amélie bleibt aber der deutliche Bezug zum Theater bzw. zur Theatralisierung unklar: Der ganze Film wird in ein wildes Spiel von intermedialen Bezügen aufgelöst und ausgerechnet jene Bezüge, die explizit dem Theater zugerechnet werden, können kaum überzeugen. Ein enger gefasster Begriff von Theatralität und eine auf diesen Begriff hin orientierte Filmauswahl hätte dem Band gut getan und hätte die - ansonsten gelungen und anregenden - Einzelfilmanalysen stärker zueinander in Beziehung setzen können.

Zum anderen sind diese ausgewählten Filme kaum exemplarisch für den aktuellen Film, sondern eher Beispiele für den europäischen Autorenfilm. Man merkt dem Sammelband deutlich an, dass er aus einem Projekt ("Theater und Theatralität im Film - französische Theater/Filme 1930-1960") heraus entstanden ist, welches eine solche Filmauswahl nahe legt. Diese Beschränkung ist zu bedauern, weil sich Theater und Schaulust zweifelsohne auch im populären europäischen Film und im amerikanischen Kino finden lassen. Auch der asiatische Film (z.B. Takeshi Kitanos Dolls) bezieht sich zum Teil recht deutlich auf eigene Theatertraditionen.

Ärgerlich ist, dass sämtliche fremdsprachlichen Zitate unübersetzt bleiben und damit unnötige Hürden für Leser aufgebaut werden, die nicht in sämtlichen romanischen Sprachen bewandert sind und vielleicht eher aufgrund ihres Interesses an Film und Theater auf diesen Band gestoßen sind.

Der Titel von Büchern erzeugt immer eine Erwartungshaltung, die bestenfalls erfüllt, oft aber enttäuscht wird. So auch bei Theater und Schaulust im aktuellen Film: Wer den aktuellen Film in seiner Vielfalt in Bezug auf Theatralität analysiert finden möchte, der findet leider nur Analysen zum europäischen Autorenfilm. Und wem bei Schaulust im Kino Laura Mulveys grundlegender Aufsatz "Visuelle Lust und Narratives Kino" in den Sinn kommt, der wird enttäuscht sein, weil sich im diesem Band kaum Anknüpfungspunkte an Mulvey finden lassen. Der Wunsch nach zusammenfassenden Überlegungen zum Verhältnis Theater und Film bleibt - bis auf die erwähnte Einführung - weitgehend unerfüllt. Wer sich aber von solchen Erwartungen unbelastet an das Lesen der Filmanalysen macht, der wird auf einige vieldiskutierte Filme der letzten Jahre einen neuen, anregenden Blick bekommen.

von Timothy Simms





erschienen in: Schnitt, 37 (1/2005)

Um es vorwegzunehmen: Als lose Aufsatzsammlung liefert dieser Band der Uni Siegen einige präzise beobachtete Einsichten in die prägenden Werke des aktuellen westeuropäischen Kinos. Doch leider wollten die Herausgeber zudem mit der "Theatralität" auch noch einen gemeinsamen Stiltrend erkannt haben. was trotz eines über die Strapazierfähigkeit hinaus "erweiterten Begriffs" meist kaum nachzuvollziehen ist.

Sicher, bei Ozon oder de Oliviera mag die Bezeichnung gerechtfertigt sein, aber die meisten hier vertretenen Aufsätze kämpfen spürbar (und erfolglos) mit dem Rechtfertigungszwang, der sich aus dem überambitionierten Titel ergibt. Benignis burlesken Slapstick zum Beispiel auf die commedia dell'arte zurückzuführen (statt auf die offensichtlichen filmischen Vorbilder der 20er Jahre) ist nicht nur ein gewagter Sprung. sondern ignoriert auch ein Jahrhundert Entwicklung von eigen- ständigen filmischen Konventionen.

"Symptomatisch auch die eigentlich sehr sorgfältige Dekonstruktionder intermedialen Effekte von Amélie, die sich nur in einem Punkt schwere Fehler erlaubt - eben bei der Analyse der vermeintlichen "Theatralität" dieses Films. Man spürt die Mühe der Autorin, auch dieses Medium aus den zahlreichen genuin filmischen Einfällen von Jeunet herauszugraben. Es bleibt letztlich hängen an einer Typisierung der Figuren und an sprechenden Gegenständen - aber was daran theatral sein soll, bleibt wohlweislich ein Geheimnis. So finden sich überall im Buch faszinieren- de Deutungsansätze, die allen Respekt verdienen, im eigentlichen Kernthema aber entweder Inszenierungsformen wie die postmoderne Künstlichkeit der Darstellung kurzerhand zu theatralen Kriterien erklären oder waghalsige Definitionen dessen heranziehen, wie Theater sein sollte, um daraus dann eine Ähnlichkeitsbeziehung zu den jeweiligen Filmen herbeizureden. Äußerst anspruchsvolle Lektüre, die in ihrem Hauptziel scheitert, dabei aber einige durchaus lesenswerte Nebenprodukte hervorbringt.

von Daniel Bickermann





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