Die grausamen Spiele des "Minotaure";"Intermediale Analyse einer surrealistischen Zeitschrift


Herausgeber:
Isabel Maurer-Queipo, Nanette Rißler-Pipka, Volker Roloff
Autoren:
Gesine Hindemith, Walburga Hülk-Althoff, Isabel Maurer-Queipo, Nanette Rißler-Pipka, Volker Roloff

Transcript, Bielefeld 2005
ISBN-Nr.: 3-89942-345-3

Die surrealistische Zeitschrift Minotaure setzt einen künstlerischen Schwerpunkt, der unter einer medienästhetischen Perspektive gelesen werden kann. In dem aktualitätsbezogenen Medium Zeitschrift werden die zeitgenössischen Entwicklungen in den verschiedenen Medien Film, Fotografie, Malerei, Architektur, Mode etc. verfolgt. Vom Titelblatt über Frontispiz bis hin zur freien Kombination von Bild- und Textmaterial sind hier eine Vielzahl intermedialer Wechselwirkungen zu beobachten: Die Bilder und Texte werden nicht mehr wie in traditionellen Zeitschriften sinngemäß und inhaltlich verknüpft, sondern regen die Leser zu Assoziationen und vielfältigen Kombinationen an. Damit handelt es sich um eine konkrete mediale Umsetzung des surrealistischen Prinzips, die Rolle des Produzenten einzuschränken und stattdessen den Rezipienten und dessen Imagination und Träume zum Bestandteil des Werkes werden zu lassen.




Rezensionen:


erschienen in: MEDIENwissenschaft, 4/2006

Mit dem vorliegenden Band stellt das kulturwissenschaftliche Forschungskolleg "Medienumbrüche" der Universität Siegen einmal mehr seine Produktivität unter Beweis. Nach Französische Theaterjilme -Zwischen Surrealismus und Existentialismus (Bielefeld 2004) setzt das Herausgebertrio die Auseinandersetzung mit dem Surrealismus fort, konzentriert sich. nun aber auf ein anderes Medium. Von anderen Zeitschriften des Surrealismus wie La Revolution surrealiste oder VVV unterscheidet sich Minotaure, erschienen zwischen 1933 und 1939, durch die aufwändige Ausstattung -die einzelnen Ausgaben wirken fast wie Kunstbände. Aufgrund dieser Gestaltung wird es möglich, Fotografien und Reproduktionen von Bildern und Skulpturen in sehr guter Qualität abzudrucken. Erheben die Publikationen der Surrealisten generell den Anspruch, "die gewohnten Grenzen der Künste, Medien und auch akademischen Disziplinen zu überschreiten" (S;7), so gilt dies in noch stärkerem Maße für Minotaure.

Abgesehen von ihrer besonderen Intermedialität liegt das Interesse an der Beschäftigung mit dieser Zeitschrift darin,dass sie ein Medium darstellt, in dem sich die seit dem Entstehen der Bewegung 1919 erfolgten Erneuerungen deutlich niederschlagen. Die bisherigen surrealistischen Methoden und Ansätze, wie die Zurückdrängung der Vernunft zugunsten des Unbewussten und der Fantasie, die ,ars combinatoria' 1m Rahmen der Produktion eines Kunstwerks oder die Überschreitung der Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft und Alltag werden dadurch erweitert, dass mittels der Einbeziehung von Disziplinen wie Archäologie, Ethnologie oder Ethnografie neue Leitmotive entstehen. Dazu gehören die Faszination archaischer Kulturen oder die Beschäftigung mit prämoderner Kunst. I

Die Beiträge greifen einerseits bekannte Themen des Surrealismus auf, z.B. die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse (siehe dazu den Aufsatz von Walburga Hülk) oder den Einbruch des Wunderbaren in das Alltägliche. Andererseits zeichnen sie nach, wie sich die Surrealisten eine Ahnenreihe konstruieren (Catrin Kersten über Dali und Gaudi oder Melanie Schmidt zu Edgar Degas). Wie der Untertitel des Buches ankündigt, gilt besonderes Interesse der Intermedialität der Zeitschrift. So wird in nahezu allen Beiträgen das Verhältnis von Bild und Text oder die Verwischung der Grenzen zwischen den Künsten erörtert. Dabei sind die Aufsätze von recht unterschiedlicher Qualität und Überzeugungskraft. So weist Gesine Hindemith mit ihren Ausführungen zur surrealistischen Kunstgeschichtsschreibung zwar auf ein Desiderat der Forschung hin, reißt das Thema jedoch nur an. Positiv zu erwähnen ist zweifellos der Beitrag Beate Ochsners, in dem sie den heute zu Unrecht vergessenen Fotografen Raoul Ubac vorstellt. Aufs Ganze gesehen regt der Band durchaus zu einer erneuten Auseinandersetzung mit Minotaure an.

Dem Band hätte ein wenig mehr Sorgfalt im Hinblick auf Rechtschreibung gut getan, für dieses Ärgernis entschädigen allerdings die zahlreichen Illustrationen. Nach der Lektüre bleibt die Frage offen, was nun eigentlich die "grausamen Spiele" des Minotaure sind -zwar ist die Rede davon, dass dem Leser eindeutige Bedeutungszuschreibungen vorenthalten werden und er folglich dazu aufgerufen ist, seiner Imagination freien Lauf zu lassen, doch dies scheint eher ein lustvolles denn ein grausames Spiel zu sein.

von Nina Riedler{Berlin)





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