Spannungswechsel

Mediale Zäsuren zwischen den Medienumbrüchen 1900/2000

Herausgeber:
Isabel Maurer-Queipo, Nanette Rißler-Pipka
Autoren:
Marijana Erstic, Joseph Garncarz, Isabel Maurer-Queipo, Nanette Rißler-Pipka, Jens Schröter, Tanja Schwan

Transcript, Bielefeld 2005
ISBN-Nr.: 3-89942-278-3

Die interdisziplinären Beiträge zeigen anhand vielfältiger Beispiele die Wechselbeziehungen zwischen Medien, Kultur und Gesellschaft auf. Hinterfragt wird, inwieweit die medialen Zäsuren zwischen 1900 und 2000 den digitalen Umbruch im Übergang zum 21. Jahrhundert herbeiführen und begleiten. Der Band liefert sowohl in historischer als auch theoretischer Hinsicht einen Beitrag zur aktuellen Diskussion und lädt zur Revision bestehender mediengeschichtlicher Periodisierungen ein.




Rezensionen:


erschienen in: MEDIENwissenschaft, 04/2005

Die im transcript-Verlag erscheinende Reihe "Medienumbrüche" speist sich vornehmlich aus Forschungsergebnissen des gleichnamigen Siegener Kulturwissenschaftlichen Forschungskollegs. Ziel des Forschungskollegs sei - so ist in dessen programmatischer Selbstbeschreibung zu lesen - "der kontrastive Vergleich der beiden strukturell prägenden Medienumbrüche des 20. Jahrhunderts, die sich als Umbruch zu den ,analogen´ Medien zu Beginn des 20. Jahrhunderts und als Umbruch zu den ,digitalen´ Medien im Übergang zum 21. Jahrhundert bestimmen lassen." (http://www.fk615.uni-siegen.de/Mainsites/Profil.html) Die "exemplarische Analyse" dieser "Umbruchsituationen von singulärer Qualität" sei gegenwärtig jedoch noch "ein Desiderat der medienwissenschaftlichen Forschung", das es zu beheben gelte (ebd.). Vor diesem Hintergrund betrachtet, erlebt die Forschung zu diesen Medienumbrüchen mit dem achten Band der transcript-Reihe - um das Wortspiel, das der Titel des Bandes anbietet, aufzugreifen - einen ,Spannungswechsel´. Die mit kaum mehr als 200 Seiten für einen Sammelband in der heutigen Forschungslandschaft geradezu schlanke Publikation erweist sich sogar regelrecht als ein ,dekonstruktivistisches´ Unterfangen im Hinblick auf den programmatischen Ausgangspunkt des Kollegs. Mindestens fünf Aspekte deuten in diese Richtung, die kurz skizziert werden sollen.

1. Aufwertung des scheinbar Marginalen: Nannette Rissler-Pipka stellt in den einleitenden theoretischen "Vorbemerkungen" (S.7) einige Grundprämissen auf, denen sich die Publikation verpflichtet fühlt. Statt den großen Medienumbrüchen um die Jahrhundertwende nachzugeben, sollen - so eine der zentralen Prämissen - "die unscheinbaren medialen Zäsuren beachtet werden" (ebd.). Nicht den makrostrukturellen Brüchen gelte das Interesse der elf in dem Band versammelten Beiträge, sondern den "scheinbar marginalen Veränderungen" (ebd.). Bei den Beiträgen handle es sich um "exemplarische Analysen solcher Zäsuren [...], die einen Teil einer bisher zu wenig beachteten Mediengeschichte" (S.10) des 20. Jahrhunderts ausmachen.

2. Verweigerung von kausalen, finalen und teleologischen Erklärungsmustern: Die marginalen Zäsuren sollen aber keinesfalls der zeitlichen Linie von 1900 und 2000 in dem Sinne folgen, dass einfach "eine kausale Abfolge von kleinen Ereignissen" nachgezeichnet werde, "die dann zum großen Umbruch geführt haben" (ebd.). Ganz im Gegenteil: Mittels der Beschreibung von eher unscheinbaren Zäsuren sei man in der Lage, "lineare Strukturen" kausaler, finaler oder gar teleologischer Geschichtsschreibung "zu dekonstruieren" (S.11) und somit eben auch Geschichten von Anfängen und Enden, die etwa mit der Markierung von medialen Epochenumbrüchen notwendigerweise verbunden sind, zu hinterfragen.

3. Umdeutung und Diffusion von Begriffsbestimmungen: Der Begriff Zäsur wird von Rissler-Pipka nicht etwa einfach als ,kleiner´ Bruch, als Ablösung oder Abtrennung beschrieben, sondern als Teil eines "Bewegungsmusters" (S.10), in dem Elemente nicht nur getrennt, sondern immer auch Verbindungen beibehalten werden. Darüber hinaus stehen die jeweiligen Unterbrechungen mit "unendlich viele[n] medialen Zäsuren" (ebd.) in Zusammenhang. Überall lauern also Zäsuren, die ein interdependentes Geflecht ausbilden und immer auch neue Kontinuitäten stiften. Beobachtet werden sollen vorrangig Einschnitte, die sich "im Rahmen einer technischen Weiterentwicklung" (S.12) ergeben hätten, etwa Veränderungen der Filmkonzeption beim Übergang von Stumm- zum Tonfilm (vgl. dazu den Beitrag von Marion Tendam). Auch Zäsuren, die sich im zeitlichen Umfeld einer der Medienumbrüche 1900 oder 2000 ereignet haben sollen, werden untersucht (bspw. futuristische Modeinszinierungen im Beitrag von Marijana Ersti?). Überdies gelten aber auch metaphorische Verwendungen von Begriffen wie "Einbrüche, Aufbrüche, Umbrüche, Durchbrüche" (so der Titel eines Beitrags von Tanja Schwan über die Thematisierung dieser Phänomene "in Literatur und Kunst seit den historischen Avantgarden" [S.43]) als untersuchungswürdige Zäsuren. Das weitet das Untersuchungsfeld freilich erheblich aus. Da nimmt es kaum noch Wunder, dass der notorisch diffuse Begriff Medium ähnlich klar umrissen wird, wie dereinst bei McLuhan: "Wir begreifen auch Mode, Design, Shortmessage, e-mail oder den Quellentext in der Informatik als Medien." (S.12) Dass es unter diesen Umständen schwierig ist, "nicht in eine Beliebigkeit der Auswahl abzugleiten" (S.9), das gibt Rissler-Pipka selbst in der Einleitung frei heraus zu. Allein mit der zeitlichen Beschränkung auf das 20. Jahrhundert kann solch eine Schwierigkeit jedenfalls nicht gelöst werden (vgl. S.9).

4. Vermeidung von verallgemeinerbaren Schlussfolgerungen: Die meisten Beiträge nehmen artig Bezug auf das in der Einleitung dargelegte Konzept medialer Zäsuren. Da der Gegenstandsbereich aber recht freizügig gewählt ist, ist es auch nicht allzu schwierig, Anknüpfungspunkte zu eben diesem zu finden. Mitunter ergeben sich hierfür interessante Beobachtungen: Christian Spies beschreibt am Beispiel der Telefonbilder von László Moholy-Nagy, wie komplex künstlerische Reflexionen medialer Zäsuren ausfallen können. Auch die Ausführungen von Joseph Garncarz zur Genese der Tagesschau und dem Wandel des (fernseh)journalistischen Selbstverständnisses enthalten interessante Beobachtungen. Viel Wissenswertes bergen ebenfalls die für den Geisteswissenschaftler zunächst vielleicht befremdlich anmutenden Beschreibungen des Informatikers Jens Uwe Pipka zu Veränderungen in der Planung und Durchführung von Softwareentwicklung. Aber entgegen dem Versprechen der Einleitung, dass in den Beiträgen "exemplarisch" (S.10) der Gegenstand medialer Zäsuren behandelt wird, sind die Beiträge doch zu nah an ihrem jeweiligen historischen Material. Und ein ums andere Mal scheint es, dass die Autoren und Autorinnen nicht mutig genug sind, ihren Gegenstand tatsächlich als mustergültiges Fallbeispiel zu verstehen und zumindest so weit zu verallgemeinern, dass die Ergebnisse über den jeweiligen Gegenstand hinweg methodologisch fruchtbar gemacht werden können. Zum Vorwurf kann man das dem Band freilich nur bedingt machen: Ist seine mehr oder minder explizite Zielrichtung ja - zumindest wenn man der Einleitung folgt - eine dekonstruktivistische. Und selbst wenn in einzelnen Beiträgen kein Dekonstruktivist am Werke sein mag, dann eben doch zumindest ein Historist. Und ähnlich den Dekonstruktivisten scheuen diese ja die Verallgemeinerung wie der Teufel das Weihwasser.

5. Kritik epistemischer Setzungen: Den wohl interessantesten Beitrag liefert Jens Schröter. In seinen "Überlegungen zur Archäologie elektronischen Löschens" geht es nicht nur um mediale Zäsuren, sondern auch um die Anmahnung einer medienwissenschaftlichen Zäsur in der Beobachtung von Medienumbrüchen. Plausibel zeigt er nicht nur, dass das "Löschen eine lange Geschichte hat" (S.100), man denke nur an die griechische Wachstafel, sondern legt eindrücklich dar, dass das Löschen vielleicht sogar "eine zentrale epistemische Figur des 20. Jahrhunderts" (S.105) ist. Auch das Kulturwissenschaftliche Forschungskolleg "Medienumbrüche" operiert mit einer epistemischen Figur. Ziel sei, wie eingangs angeführt, ein medienwissenschaftliches Desiderat zu beheben, und zwar indem "die Medienumbrüche des 20. Jahrhunderts" untersucht werden. Verstanden werden diese - so die epistemische Setzung - "als Umbruch zu den ,analogen´ Medien zu Beginn des 20. Jahrhunderts und als Umbruch zu den ,digitalen´ Medien im Übergang zum 21. Jahrhundert" (http://www.fk615.uni-siegen.de/Mainsites/

Profil.html). Schröter stellt dieser epistemischen (Forschungs-)Figur eine Epistemologie des Löschens wenn nicht gegenüber, so doch zumindest als erweitertes Forschungsprogramm an die Seite. Das Löschen habe nämlich, so Schröter, "die gesamte Ökonomie des Archivierens und des Gedächtnisses umformatiert - und das jenseits der Unterscheidung analog/digital!" (S.122). Dieser Wechsel ist wohl das Spannendste am Band 8 der Reihe "Medienumbrüche".

von Sven Grampp (Erlangen-Nürnberg)





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