Alte Mythen - Neue Medien


Herausgeber:
Walburga Hülk-Althoff, Volker Roloff, Anne Geisler-Szmulewicz
Autoren:
Marijana Erstic, Uta Felten, Walburga Hülk-Althoff, Isabel Maurer-Queipo, Volker Roloff, Helmut Schanze, Wolfgang Asholt, Andrea Duchek, Hanno Ehrlicher, Anne Geisler-Szmulewicz, Anne Geisler-Szmulewicz, Christa Schoofs, Sabine Schrader, Adelheid Schumann, Christian W. Thomsen, Gabriele Vickermann-Ribémont, Kirsten von Hagen, Birgit Wagner, Winfried Wehle

Winter, Heidelberg 2006
ISBN-Nr.: 3-8253-5184-X

Die vorliegende Publikation Alte Mythen - neue Medien behandelt die Aktualität alter Mythen, die im Prozess unaufhörlicher medialer Transformationen zugleich vertraut und fremd erscheinen. Sie können wahrgenommen werden als Matrix eines subjektiven wie kollektiven, sich stets erweiternden, komplexer werdenden Gedächtnisses aus Bildern und Narrationen, das nicht nur abgelagerte Figuren immer wieder abruft, sondern diese jeweils neu konstruiert. Indem ihnen solcherart durch Techniken und Medien Ausdruck verschafft wird, ereignen sie sich immer wieder verblüffend neu und gewinnen ihre Gültigkeit wie Sprengkraft aus der Spannung von Tradition und Innovation, Kontext und Präsenz. Die Bilder und Geschichten, die als Kernbestand unendlicher Semiosen der Kultur- und Mediengeschichte in den Sinn kommen - Narziß, Prometheus, Orpheus, Pygmalion, Venus, Medea, Medusa, Ariadne, Salomé - sind allesamt alt, häufig antik, und gleichwohl haben sie über Jahrtausende nichts eingebüßt von ihrer Faszinationskraft und ihrer Relevanz im Hinblick auf historische, anthropologische und ästhetische Positionen. Einen Angelpunkt des Bandes bilden die Beziehungen zwischen der 'neuen Mythologie' der Avantgarden und den Medienumbrüchen des 20. Jahrhunderts - vom Film bis hin zum Fernsehen und zu digitalen Produktionen.




Rezensionen:


erschienen in: MEDIENwissenschaft, 1/2007

Der Mythos als symbolische Verdichtung allgemeiner Urerlebnisse ist alles andere als ein statisches Gebilde, vielmehr kann bereits in der Antike ein Prozess von Adaption und Transformation festgestellt werden, der sich durch die verschiedenen Epochen hindurch verfolgen lässt. Gilt der Mythos in der Romantik als Urdichtung und unerschöpfliche Quelle der Poesie, so findet sich seit dem späten 19. Jahrhundert die entgegengesetzte Bewegung: In einer Kultur, die durch Ratio und naturwissenschaftliches Denken geprägt ist, werden Bilder und Vorstellungen gewissermaßen mythisiert. Als Beispiel sei die psychoanalytische Deutung des Mythos angeführt - hier wird versucht, die Wirklichkeit durch den Mythos zu deuten.

Im Sinne von Blumenbergs Arbeit am Mythos (Frankfurt/Main 1979) wird Mythos im Allgemeinen verstanden als Medium der Erkenntnis und Strukturierung der Wiklichkeit. Der Mensch als das einzige Wesen, das nicht in eine spezifische Umwelt eingepasst ist, sucht nach einem Weg, einen Bezug zur Wirklichkeit zu schaffen und die archaische Fremdheit der Welt zu überwinden. Dies gelingt ihm mittels narrativer Einordnung; wobei an der Abfolge der Transformationen der Mythen abgelesen werden kann, wie Erfahrungen von Übermacht jeweils verarbeitet wurden. Die Bedeutung des Mythos für das Selbstverständnis des Menschen und seine Verortung in der Welt zeigt sich an dessen Transformationen in der Kulturgeschichte. Da Mythen erlauben, überzeitliche Themen mit persönlicher Bedeutung zu kombinieren, gewährt ihre künstlerische Transformation Raum sowohl für Einordnung als auch Bruch mit Traditionen.

Im Rahmen des Siegener Forschungskollegs ,,Medienumbfiche 1900-2000" wurden Überlegungen zur Wirkmächtigkeit mythischer Elemente aufgegriffen und in Zusammenhang gebracht mit neuen Medien. In Zusammenarbeit mit den Projekten "Europlischer Surrealismus", "Macht- und Körperinszenierungen in Italien" sowie der Université d'Orléans organisierte das Kolleg 2004 eine Tagung, deren Beiträge im vorliegenden Band zusammengefasst sind. Walburga Hülk stellt in ihrer kurzen Einführung die Leitfrage der Konferenz vor, nämlich "ob Medienumbrüche jeweils verdichtet alte Mythen aktualisieren, ob sie auch Mythenumbrüche sind, von denen ausgehend neue Symboliken und Mythologien entstehen, neue anthropologische und ästhetische Metamorphosen voller Komik und Pathos" (S.lO).

Auf der Ebene der Medien decken die Beitrtige Literatur, llustration/Collage, Fotografie (Gabriele Vickermann-Ribémont, Wolfgang Asholt), Film (Birgit Wagner, Anne Geisler-Szmulewicz, Yasmin Hoffmann/Christa Schoofs, Isabel Maurer Queipo, Uta Felten, Andrea Duchek, Adelheid Schumann), Fernsehen (Helmut Schanze), Radio (Mechthild Albert) sowie die relativ neue schöne Welt des Computers ab (Christian W. Thomsen). Damit ist zugleich in gewisser Weise die zeitliche Spanne abgesteckt, die sich von der Fotografie Fred Holland Days um 1900 bis in die Gegenwart erstreckt, wenngleich die Mythen und Referenztexte bis in die Antike zurückreichen. Das Inhaltsverzeichnis spiegelt einerseits die Schwerpunkte der beteiligten Projektgruppen (z.B. die Beziehungen zwischen der ,neuen Mythologie' der Avantgarden und den Medienumbrüchen des 20. Jahrhunderts in den Beiträgen von Volker Roloff und Wolfgang Asholt), die sich zur Organisation der Tagung zusammengefunden haben, und andererseits die zunehmende Bedeutung des Mediums Film.

Die Mythen, deren moderne Fassungen hier untersucht werden, umfassen solche antiker Herkunfi wie Aphrodite/Venus, Orpheus, Medea und Pygmalion, modernere wie Salomé und Carmen, aber auch mythische Bilder wie das des Labyrinths und des Minotaurus bzw. den Stierkampf neben den Themenkreisen Androgynie, künstliche Zeugung und (technisch-mediale) Entgrenzung des Menschen.

Aus der Vielzahl interessanter und anregender Beitrage sei der von Kirsten von Hagen herausgegriffen, da hier besonders fiberzeugend die Metamorphose eines Mythos in verschiedenen Medien verfolgt wird. Anhand einiger Varianten des Carmen-Mythos (von Mtrimdes Novelle iiber Bizets Oper zu den Filmen von Carlos Saura und Jean-Luc Godard) zeigt sie, wie - insbesondere beim Wechsel von den gedruckten Medien rum Film - Mythen-Bricolage betrieben und so mitunter Neues geschaffen wird. Damit gibt sie cine besonders differenzierte Antwort auf die Leitfrage der Tagung und zeigt auoerdem, wie auf fruchtbare Weise thematisch stehende Werke verschiedener Medien miteinander verglichen werden können ohne ihre medienspezifischen Cbrakteristika zu ignorieren.

von Nina Riedler (Berlin)





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