MedienRevolutionen

Beiträge zur Mediengeschichte der Wahrnehmung

Herausgeber:
Ralf Schnell
Autoren:
Joseph Garncarz, Andreas Käuser, Helmut Schanze, Ralf Schnell, Gundolf Winter, Gerd Althoff, Lorenz Engell, Thomas Hoeren, Tom Holert, Joachim Paech

Transcript, Bielefeld 2006
ISBN-Nr.: 3-89942-533-2

Die Beiträge dieses Bandes analysieren Phasen des "Medienumbruchs", in denen ein zuvor dominantes Medienensemble eine Umstrukturierung erfährt - mit dem Effekt, dass sich neue Medien durchsetzen. Mit diesen verändert sich die Perspektive auf die Vorgänger-Medien, ohne diese zwangsläufig zu verdrängen. Zugleich verknüpft eine Mediengeschichte aus der Perspektive der "Umbrüche" die Evolution menschlicher Wahrnehmung mit der Geschichte ihrer Revolutionen. Der Band thematisiert die Geschichte der "Medienumbrüche" mit dem Fokus auf den Jahrhundertwenden 1900 und 2000. Es handelt sich dabei um Zäsuren, in denen die menschliche Wahrnehmung durch den Umbruch von den analogen zu den digitalen Medien (r)evolutionär verändert wurde.




Rezensionen:


erschienen in: literaturkritik.de, Nr. 1, Januar 2007

Vom Körper als Medium zu den Neuen Medien

Ein Siegener Kolloquium befasst sich mit den Unwägbarkeiten der Mediengeschichte

Die Geschichte der Moderne ist auch eine Geschichte der Medienrevolutionen, oder besser gesagt: Medien sind in allen Gesellschaften Ausdruck und Modi gesellschaftlicher Veränderung. Allerdings hat die Rede von der Medienrevolution in der vergangenen Dekade an Bedeutung zugenommen, wird jedoch immer an bestimmten Stadien der Entwicklung neuer Apparaturen festgemacht, etwa am Buchdruck, der Zeitung, dem Film oder der IT.

Dass die Medienrevolutionen aber eben nicht nur von neuen Ausstattungen erzeugt werden, sondern zugleich auch Ausdruck von Diskursen sind, die beide Elemente, die Medien und ihre Revolutionen bezeichnen und ausdifferenzieren, ist erst nach und nach in den Fokus der Forschung geraten. Nur wer über eine Revolution spricht, wird und kann eine machen. Wo keine Revolution beschworen wird, wird es auch keine geben.

Im generellen Fluss der Veränderung, so etwa Lorenz Engell im vorliegenden Band, ist es die Rede von der Revolution, die einzelne Ereignisse hervorhebt und ihnen ihren extraordinären Charakter zuweist. Freilich lassen sich durchaus verschiedene, teilweise widersprechende Auffassungen von Medien, ihrer Geschichte und ihren Revolutionen im Band auffinden. Was sie freilich alle miteinander verbindet, ist die Überlegung, dass die Mediengeschichte weniger von Kontinuität, denn von Diskontinuitäten, Widersprüchen und Clustern bestimmt ist. Mediengeschichte, bemerkt der Herausgeber Ralf Schnell zur Forschungshypothese, könne nicht linear, als kontinuierliche Fortschrittsgeschichte, sondern müsse als von Zäsuren geprägt, als diskontinuierlich gedacht werden. Soweit so gut. Dass Geschichte immer auch gemacht wird, und zwar von Historikern, und das auch noch notwendig, ist mittlerweile zum Gemeinplatz geworden. Soll heißen, es ist zeugt nur wahlweise von erhöhtem Reflexionsvermögen oder von starker Nähe zum Zeitgeist, wenn statt der Kontinuitäten das Diskontinuierliche im Fokus steht, statt der Zusammenhänge, das Unzusammenhängende oder die Verfahren, die zusammenbringen, was offensichtlich nun überhaupt nicht zusammen gehört.

Von solcher Einsicht in die Vielfältigkeit medialer Entwicklung zeugt auch der Umstand, dass dieser Band, der ja thematisch nach den allerneuesten Themen ausgerichtet ist, mit einem mediävistischen Beitrag beginnt. Während Ralf Schnells schlagendes Beispiel für die Medienumbrüche die Geschwindigkeit ist, mit der sich das Mobiltelefon im Alltag nicht nur durchgesetzt, sondern ihn auch noch in erkennbarem Maße umgeformt hat, wendet sich Gerd Althoff der primären Medienrevolution des Mittelalters zu: eben nicht dem Buchdruck, mit dem die ja eigentlich die Neuzeit beginnt, sondern der Ritualisierung von Haltung und Verhaltensweisen. Mit dieser Implementierung gesellschaftlicher Praxis in der sozialen Figur und im Körper ihrer Akteure beginnt der mediale Wandel im mittelalterlichen Reich. Wo die Aufschreibmedien noch nicht leistungsstark genug sind, um in der Öffentlichkeit festzuschreiben, was im Verborgenen verhandelt worden ist, müssen die Körper und ihr Verhältnis zueinander diese Rolle übernehmen. Erst der Buchdruck wird diese Symbolisierungsform ablösen und die Abstraktion wie die Übertragbarkeit von gesellschaftlich ausgehandelten Beziehungen und Kompromissen generell verfügbar machen, zumal dann, wenn die Zahl der Lesekundigen so rasch ansteigt, wie dies im 19. und schließlich im 20. Jahrhundert der Fall war. Althoff erinnert daran nicht zuletzt auch im Hinblick auf den iconic turn, den die Industriegesellschaften in den letzten Jahren erlebt haben.

Dagegen wählen die anderen Beiträge Themen, die davon weit entfernt sind, und tragen Hypothesen vor, die sich mit denen Althoffs kaum verbinden lassen. Helmut Schanze, dem alt gedienten Mentor der literaturwissenschaftlich initiierten Medienforschung, ist dabei die Aufgabe zugefallen, die Kernüberlegung des Bandes methodisch und theoretisch abzuleiten. Gundolf Winter geht der Frage nach dem Wesen des Bildlichen nach, besser nach dem Punkt der Attraktion, der das Bildliche ausmache, und versucht dem anhand des Bildtransfers vom zweidimensionalen Tafelbild auf die dreidimensionale Skulptur nachzugehen. Joseph Garncarz wendet sich der Frühzeit der Etablierung des Films zu und spürt den Institutionalisierungsstrategien nach, während Joachim Paech die strukturelle Bedeutung des Wechsels vom analogen zum digitalen Medium hervorhebt. Lorenz Engell betont die Differenz des Medienwandels um 1900 von dem um 2000. Tom Holert schließt einen Popsong von Rufus Wainwright mit Walter Benjamins Medien- und Modernetheorie kurz. Bedenkenswert ist dabei seine Überlegung, dass im von Wainwright genutzten Bild die allgemein durchgesetzte Disponibilität aufscheine. Deutlich im Widerspruch zu Althoff steht dann Andreas Käusers These, dass moderne Gesellschaften im Unterschied zu vormodernen medial strukturiert seien. Hier machen sich nicht nur theoretische Unterschiede bemerkbar, sondern auch konzeptionelle, etwa im Medienbegriff (den Käuser eher konventionell benutzt). Thomas Hörens juristische Abhandlung zum Verhältnis von Medienumbrüchen und Urheberrecht setzt sich allein schon im Duktus, aber auch in der Nutzbarkeit der Beitrags von den Beiträgen der medienwissenschaftlichen Kollegen ab. So viel Pragmatik (und das im juristischen Text) liest man selten in Bänden dieser Art.

Insgesamt bleibt bei aller beeindruckten Lektüre ein gemischtes Gefühl zurück. Zwar versuchen sich alle Beiträger am Medienumbruch, gar an der Medienrevolution. Dennoch weisen die Beiträge in so unterschiedliche Richtungen, dass es schwer fällt, dem Band ein einheitliches Profil zuzuschreiben. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Beiträger zum Teil echte epistemologische Risiken eingehen und kaum noch daran interessiert sind, sich in jedem Fall auf der sicheren Seite zu wissen. Das mag manchem hochgestochen und wenig hilfreich erscheinen, aber eine Medienapotheke oder nur eine Mediengeschichte haben ja auch weder der Herausgeber noch seine Beiträger versprochen.

von Walter Delabar





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