Spatial Turn

Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften

Herausgeber:
Jörg Döring, Tristan Thielmann
Autoren:
Jörg Döring, Tristan Thielmann, Guiliana Bruno, Mike Crang, Jörg Dünne, Manfred Fassler, Stephan Günzel, Gerhard Hard, Roland Lippuner, Matthias Middell, Eric Piltz, Marc Redepfenning, Markus Schroer, Edward W. Soja, Rudolf Stichweh, Nigel Thrift, Niels Werber, Benno Werlen

Transcript, Bielefeld 2008
ISBN-Nr.: 978-3-89942-683-0

Warum reden alle vom Raum? Ist die Zeit der wissenschaftlichen Vorherrschaft der Zeit vorüber? Was tritt unter den Bedingungen der Globalisierung an die Stelle eines schwächelnden Fortschritts- und Entwicklungsparadigmas? Wenn mittlerweile fast alle Disziplinen in den Kultur- und Sozialwissenschaften damit beschäftigt sind, ihre Diskurse zu "verräumlichen", ist dann die Rede von einem "Spatial Turn" angemessen? Diese Anthologie leistet zweierlei: Zum ersten Mal erscheint auf dem deutschen Buchmarkt eine fächerübergreifende Anthologie zum Spatial Turn und zum ersten Mal findet eine Diskussion auch unter Beteiligung der Geographen statt – jenen "Raumspezialisten", die sich in jüngster Zeit als scharfe Kritiker der fächerübergreifenden Raumkonjunktur profiliert haben.

Leseprobe




Rezensionen:


erschienen in: HSozKult, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=10105&count=6908&recno=5&type=rezbuecher&sort=datum&order=down

„Die Zeit schreitet voran, während der Raum herumlungert.“[1] Mit dieser griffigen Formulierung verwies 1993 die britische Geographin Doreen Massey auf einen für die Sozial- und Kulturwissenschaften lange zentralen Irrtum: Während Zeit als Ordnungsbegriff des Nacheinanders und des historischen Wandels galt, der für Bewegung, Dynamik und Veränderung stand, erschien Raum als materielles Substrat, als Ort oder vorhandenes Gebiet. Der Raum wirkte unbeweglich und starr, zum bloßen Handlungshintergrund verkommen. Bestenfalls wurde der Raum als Container möglicher Geschichte verstanden, der das soziale Geschehen umschließt und damit aus Handlungskontexten herausgelöst blieb. Die Frage nach Entstehung und Wandel räumlicher Ordnungen fand lange keine besondere Aufmerksamkeit. Dass es sich bei der Kategorie Raum um ein soziales Konstrukt handelt, war auch vor 20 Jahren keine neue Erkenntnis, doch ist es unter anderem der marxistisch orientierten Humangeographie der 1980er-Jahre zu verdanken, dass der gesellschaftlichen Produktion von Raum seither wieder eine erhöhte Beachtung zukommt. Programmatisch für diesen Spatial Turn waren die theoretischen Arbeiten des britischen Geographen David Harvey, der mit Texten wie „Between Space and Time: Reflections on the Geographical Imagination“ (1990) eine räumlich konzipierte Gesellschaftsanalyse über Fachgrenzen hinweg anregte und nachhaltig prägte.

Es ist daher verdienstvoll und überfällig, Harveys richtungweisenden Beitrag sowie andere grundlegende Texte der „Radical Geography“ aus den 1990er-Jahren in deutscher Übersetzung vorzulegen. Bernd Belina und Boris Michel haben mit „Raumproduktionen“ einen Reader herausgegeben, der im ersten Teil mit insgesamt fünf Beiträgen eher die theoretische Diskussion aufgreift, während im zweiten Teil wirtschafts- und stadtgeographische Arbeiten US-amerikanischer Wissenschaftler im Mittelpunkt stehen. Einleitend betonen die Herausgeber, dass es ihr zentrales Anliegen sei, die in Deutschland nur unzureichende Rezeption „linker Geographie“ anzuregen und diese Leerstelle zu füllen (S. 7). Denn trotz der gegenwärtigen Hochkonjunktur raumorientierter Forschung in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften mangele es der deutschen Debatte vor allem an politischem Profil. Das unpolitische Gerede vom Raum stehe in der Gefahr, „hinter die Kritik idealistischer und vulgär-materialistischer Raumkonzepte zurückzufallen“. Nur im Rahmen kritisch-materialistischer Theorie sei die Beschäftigung mit Fragen des Raums sinnvoll und notwendig, „um die räumlichen Dimensionen kapitalistischer, patriarchaler und rassischer Vergesellschaftung ebenso wie die Widerstandsmöglichkeiten gegen diese besser verstehen zu können“ (S. 13). Dass Belina und Michel eine konstruktivistische Raumtheorie, die keineswegs – wie die Herausgeber pauschal unterstellen – auf dem Raum an sich jenseits gesellschaftlicher Praktiken beruht, nur innerhalb einer marxistischen Gesellschaftstheorie anerkennen, verweist auf ideologische Engführungen des Bandes, über die nur schwer hinwegzulesen ist.

Erfreulicherweise wenden sich die Herausgeber in ihrer Einleitung aber auch Theoretikern wie Henri Lefebvre, Michel Foucault und eben David Harvey zu. Dass Raum nach deren Auffassung als Produkt sozialer Praxis zu verstehen ist, die in der Regel konflikthaft verlaufe, war und ist eine für die fachübergreifende Raumdiskussion zentrale Sicht, aber für diejenigen, die sich auch schon theoretisch mit der Kategorie Raum befasst haben, nicht wirklich neu. Gleichwohl ist die Lektüre der im ersten Teil des Bandes versammelten Texte durchaus lohnend. Neben Harveys programmatischem Beitrag „Zwischen Raum und Zeit: Reflektionen zur Geographischen Imagination“, dessen Signalwirkung auch jenseits seiner Kapitalismuskritik unbestritten ist und der mit dem modernisierungstheoretischen Paradigma der „Raum-Zeit-Verdichtung“ eines der zentralen Schlagworte für die Neukonstituierung der Humangeographie geliefert hat, analysiert der US-amerikanische Geograph Neil Smith in Anlehnung an die Marxsche Gebrauchswerttheorie den vernachlässigten Zusammenhang zwischen politischem Raum und globaler Marktentwicklung. Anschließend liefert Edward Soja mit dem aus seinem Buch „Postmodern Geographies“ entnommenen Beitrag einen chronologischen Überblick zur Entwicklung marxistischer Geographie, während Doreen Massey die von Ernesto Laclau vertretene Auffassung, beim Raum handele es sich um einen Bereich des Stillstandes, in dem es keine Zeitlichkeit und damit keine Möglichkeit von Politik gebe, einer dezidierten Kritik unterzieht. Insbesondere dieser und der nachfolgende Text von Derek Gregory, der sich kritisch mit Harveys Verdichtungs- und Kolonisierungsbegriffen auseinandersetzt, verdeutlichen nicht nur die Bandbreite der theoretischen Positionen; sie demonstrieren auch das hohe Reflexionsniveau, das die „Radical Geography“ auszeichnet.

Im zweiten Teil des Bandes geht es um wirtschafts- und stadtgeographische Studien, wie sie insbesondere in den USA in Anlehnung an Henri Lefebvres „La Production de l’Espace“ entstanden sind. Damit konzentriert sich der Band auf anwendungsorientierte Forschungen, die für einen fachübergreifenden Diskurs weniger Anknüpfungspunkte bereitstellen. Cindi Katz beispielsweise greift Foucaults Begriff der Heterotopie auf und analysiert postmoderne Raumveränderungen am Beispiel der Grand Central Station in New York, Andrew Herod plädiert aus wirtschaftsgeographischer Perspektive dafür, Arbeiter/innen als räumliche Akteure in die Analyse von Produktionsverhältnisse einzubeziehen, und Eugene J. McCann beschäftigt sich mit der Produktion und Repräsentation „rassifizierter Geographien in US-amerikanischen Städten“ (S. 235) am Beispiel der Stadt Lexington/Kentucky. Zwar zeigt gerade der zuletzt genannte Beitrag, wie Lefebvres begriffliche Trias der „räumlichen Praktiken“, der „Repräsentationen von Raum“ und der „Räume der Repräsentation“ gewinnbringend genutzt und variiert werden kann. Gleichzeitig wird an dieser auf dem amerikanischen Konzept von „race“ basierenden Studie aber auch ersichtlich, dass eine Übersetzung solcher Texte ins Deutsche keineswegs ausreichend ist, um den kritischen Dialog mit der „Radical Geography“ zu beleben.

Der Dialog mit der Geographie, deren Vertreter sich zur aktuellen Raumdebatte ja durchaus unterschiedlich positionieren, ist auch für den von Jörg Döring und Tristan Thielmann herausgegebenen Sammelband von konzeptioneller Bedeutung. Unter dem Titel „Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften“ haben sie insgesamt 16 Beiträge versammelt, die sie als fachübergreifende Anthologie verstanden wissen wollen. Ihr Ausgangspunkt ist nicht nur der inflationäre Gebrauch des Begriffs, sondern auch das in den einzelnen Disziplinen durchaus spezifische Verständnis, was unter „Verräumlichung“ oder „raumbezogener“ Forschung eigentlich zu fassen sei. Gibt es den viel beschworenen Spatial Turn als transdisziplinären Paradigmenwechsel überhaupt, oder handelt es sich nicht vielmehr um eine „Verweiskette mit Selbstverstärkereffekt“ (S. 11)? Die Herausgeber machen aus ihrer Skepsis kein Geheimnis und fragen folgerichtig zunächst nach den fachspezifisch perspektivierten Positionen innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften.

Die Bandbreite der Beiträge ist beachtlich: Der Historiker Eric Piltz beispielsweise setzt sich kritisch mit der für die Geschichtswissenschaft richtungweisenden Mittelmeerstudie von Fernand Braudel auseinander, der Soziologe Rudolf Stichweh bemüht sich um die vorsichtige Rehabilitierung des geographischen Materialismus innerhalb der Systemtheorie, und Manfred Faßler entwirft als exponierter Vertreter einer kybernetischen Medienanthropologie den Raum als virtuelles Schaltungsversprechen. Die Vielfalt der theoretischen wie empirischen Zugänge liest sich in der Gesamtschau überaus anregend, und die gut strukturierte Einleitung der Herausgeber ermöglicht es, halbwegs orientiert von einem Raum zum nächsten zu gelangen. Zwar erweist sich der Spatial Turn dabei relativ schnell als eher begriffliche denn als konzeptionelle Klammer – das reduziert jedoch nicht sein analytisches Potential.

Was eine an der Kategorie Raum orientierte Studie zu leisten vermag, lässt sich an Jörg Dünnes Beitrag zur kartographischen Repräsentation besonders eindrücklich nachzeichnen. Dünne widmet sich dem für die Frühe Neuzeit spezifischen Territorialisierungsschub und untersucht anhand von drei Beispielen medienhistorische Möglichkeitsbedingungen für kulturelle Topographien. Dabei geht es ihm darum, anhand des Mediums Karte den Raum in seiner frühneuzeitlichen territorialen Konstituierung sowohl als Machtdispositiv wie auch als Wissensdiskurs zu markieren. Die Entwicklung moderner Territorialität wird als Korrelat einer bestimmten medialen Praxis verstanden, „die Raum mittels Karten in doppelter Weise operationalisiert: einerseits als vermessbarer Raum der Macht, andererseits aber auch als ikonisch bzw. symbolisch kodierter Raum des Wissens und der Imagination“ (S. 50). Die entscheidende Schwelle zum neuzeitlichen Verständnis liege keineswegs darin, dass Karten nun genauer oder objektiver würden, sondern dass „überhaupt erst ein durchgängiger indexikalischer Bezug zwischen Karte und Territorium hergestellt wird. In der Methodisierung der referenziellen Adressierbarkeit von Orten im physischen Raum entsteht obendrein die Kohärenz eines Wissensraums, der gemeinsamen Regeln der Repräsentation folgt“ (S. 57). Kolumbus war höchstwahrscheinlich nicht der erste Europäer, der in Amerika landete – trotzdem gilt er als Entdecker der Neuen Welt. Laut Dünne liegt das an der medialen Verzeichnung, wie sie beispielsweise durch die berühmte Karte von Martin Waldseemüller aus dem Jahr 1507 überliefert ist. Amerika wurde also von Kolumbus nicht im wörtlichen Sinne entdeckt, sondern entstand „im Akt der Verknüpfung eines bis dahin nicht näher bestimmten Territoriums mit der symbolischen Affirmation seiner Neuigkeit“ (S. 65). Dünne kann präzise und theoretisch brillant den Zusammenhang von moderner Territorialität und ihrem Leitmedium Kartographie verdeutlichen; für künftige Studien zum politischen Raum setzt er damit hohe Maßstäbe.

Der zweite Teil des Bandes sucht das Gespräch mit den Geographen – was sich als nicht gerade einfaches Unterfangen erweist. Die Humangeographie ist in der Raumfrage tief gespalten: Zum einen findet man euphorische Befürworter des Spatial Turn wie Edward Soja, der sich nicht nur als Wortschöpfer, sondern auch als Mentor dieses seiner Meinung nach transdisziplinären Großparadigmas versteht. Die von Soja beanspruchte Bedeutung schlägt sich allerdings nicht in einem Theorieentwurf nieder, der zu überzeugen vermag. Sein Beitrag rekurriert zwar auf die in jüngster Zeit diskutierte und von Pierre Bourdieu inspirierte Begriffsbildung des „räumlichen Kapitals“, doch bleibt dieser an sich innovative Gedanke bei Soja ebenso konturlos wie das fragwürdige Konzept „räumlicher Gerechtigkeit“, das er für die Stadtgeographie heraushebt. Damit fällt der Beitrag deutlich hinter das zurück, was andere Geographen zum Spatial Turn beizutragen haben. Unter ihnen treten insbesondere die scharfen Kritiker eines am Raumbegriff orientierten Forschungsdesigns in den Vordergrund. Gerhard Hard beispielsweise geht nicht nur mit Karl Schlögels stellenweise barocker Raummetaphorik hart ins Gericht, er unterzieht auch Martina Löws Raumsoziologie einer vernichtenden Kritik, indem er ihre am „Partyraum“ konkretisierten Thesen als Trivialisierung einer längst überholten, altgeographischen Raumkonstruktion demontiert.

Lässt man die zwar unterhaltsamen, aber nicht immer weiterführenden Polemiken Hards beiseite, kristallisieren sich mit den Beiträgen von Marc Redepenning, Roland Lippuner und Benno Werlen drei zentrale Feststellungen heraus: Zum einen sind Historiker, Soziologen, Kulturwissenschaftler und andere fachfremde Raumspezialisten gut beraten, den in der Humangeographie trotz interner Kontroversen erreichten Forschungsstand nicht durch ein ahnungsloses Gerede vom „Raum an sich“ zu unterbieten. Zweitens scheint es insbesondere zwischen Soziologen (mit und ohne Systemtheorie) und den zu Sozialwissenschaftlern konvertierten Geographen einen spezifischen Klärungsbedarf zu geben, von dem sicherlich auch über Fachgrenzen hinweg zu profitieren wäre, wenn es denn gelänge, ihn konstruktiver anzugehen. Und drittens ist es überfällig, dass sich die mit der Kategorie Raum arbeitende Geschichtswissenschaft nicht länger aus der geographischen Rumpelkammer bedient, sondern innovative Konzepte, wie sie bereits für die Frühe Neuzeit existieren, aufgreift und weiter entwickelt. Der von Jörg Döring und Tristan Thielmann herausgegebene Band liefert hierfür hervorragende Orientierungshilfen und ist daher allen Raumpionieren diesseits und jenseits des Spatial Turn wärmstens zu empfehlen.

Anmerkung:

[1] Massey, Doreen, Raum, Ort und Geschlecht. Feministische Kritik geographischer Konzepte, in: Bühler, Elisabeth u.a. (Hrsg.), Ortssuche. Zur Geographie der Geschlechterdifferenz, Zürich 1993, S. 109-122, hier S. 118.

von Ulrike Jureit, Hamburger Institut für Sozialforschung





erschienen in: socialnet.de, http://www.socialnet.de/rezensionen/6606.php

Die Raumvergessenheit der Raumwissenschaften

Wenn sich unsere Zeit heute als "Zeitalter des Raumes" begreifen lässt, wie dies Michel Foucault Ende der 60er Jahre formuliert hat, dann wird dies von vielen wissenschaftlichen Disziplinen und Denkrichtungen eine Aufmerksamkeit herausfordern, die möglicherweise so etwas wie einen "turn", eine Kehrtwende im wissenschaftlichen Metadiskurs über Begriffe und Systemzuordnungen hervorrufen. "Spatial turn", als ein Perspektivenwechsel in der Betrachtung des Räumlichen und des Raumes im kulturellen und historischen Dasein der Menschen muss demnach nicht nur diejenigen auf die Bühne der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen bringen, die als "Raumspezialisten" immer schon den Raum als ihr Metier betrachtet haben, die Geographen nämlich, sondern eben auch Philosophen, Kulturwissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Historiker, Literatur- und Naturwissenschaftler. Die Diskussion über den Begriff wie über das "neue" Raumparadigma wird bisher eher in angelsächsischen und vor allem japanischen Medien geführt; in deutschen am ehesten noch in je fachspezifischen Diskursen der kultur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Merkwürdig dabei, dass die "Raumspezialisten", die Humangeographen also, in diesem Diskurs mit allzu leiser Stimme zu hören sind.

Herausgeber und Überblick

Jörg Döring, Juniorprofessor für Neuere deutsche Literatur und Medien und sein Mitarbeiter Tristan Thielmann, beide von der Universität Siegen, machen sich nun mit einer Anthologie daran, zum einen ein gemeinsames Forum für alle anzubieten, die zur "spatial-turn-Diskussion" etwas zu sagen haben.

Im ersten Teil des Bandes werden deshalb "Beiträge aus der kulturwissenschaftlich perspektivierten Literaturwissenschaft / Filmwissenschaft, der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Medienwissenschaft und der Philosophie" vorgestellt; im zweiten Teil werden, erstmals in dieser Form, die Humangeographen einbezogen. Und das nicht nur, um möglicherweise zu einer Begriffsklärung des teilweise als inflationär daherkommenden Labels zu gelangen, im guten wissenschaftlichen Sinne nämlich, etwa im Sinne Hegels, "den Begriff mit der Wirklichkeit zu versöhnen"; sondern auch, um die vielfältigen Herausforderungen in einer globalisierten Welt mit einer "Begriffsvernetzung" zu ermöglichen. Die Ausdifferenzierung des Begriffs "spatial turn", in "topographical turn" oder "topological turn" hat bisher nicht zu einer Begriffsklärung beigetragen. Wenn es aber um die Frage geht, ob es im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Findungs- und Erfindungsprozess so etwas wie einen "wiedergefundenen Raum" gibt, angesichts der Metaphern vom "Verschwinden des Raumes" oder dem "Ende der Geografie", dann sind sorgfältige und "stimmige" Reflexionen über Raum und Zeit als zusammengehörende (?) und relative (?) Dimensionen menschlichen Daseins gefordert.

Inhalt

Im einleitenden Beitrag fragen die Herausgeber: "Was lesen wir im Raume?", wobei sie sowohl die Entstehungskontexte der oben genannten Begriffe darstellen und die Begriffsverwendung in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen erläutern, als auch die Humangeographie als "verschwiegenen Souverän" zeihen.

Im ersten Teil "Der Spatial Turn in den Kultur- und Sozialwissenschaften" diskutiert Jörg Dünne vom Institut für Romanische Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Beitrag "Die Karte als Operations- und Imaginationsmatrix" die Geschichte eines Raummediums. Er erkennt in der "Wendung zum Raum" eine historisierende Neuperspektivierung von Raumfragen mit dem Medium der Kartographie und sieht gleichzeitig die Notwendigkeit, "der Spezifizität des frühneuzeitlichen Territorialisierungsschubs" durch die Entwicklung einer territorialen Verortung in einem medialen Repräsentationsraum gerecht zu werden; jedoch nicht im Sinne eines Raumdenkens als geodeterministische Territorialität, sondern in der symbolischen Adressierung, wie "umgekehrt differenziert sich das Zeichenverbundsystem Karte symbolisch in dem Maße aus, wie es zu einem Leitmedium der Operationalisierung von Raum wird".

Die an der Harward University lehrende Medienwissenschaftlerin Guiliana Bruno reflektiert in ihrem Beitrag "Bildwissenschaft" vier filmische Einstellungen und fordert damit auf, "unsere Wahrnehmung dieser Kunstform zu verändern", optisch und haptisch.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl Frühe Neuzeit an der TU Dresden, Eric Piltz, nimmt die Metapher von der "Trägheit des Raums" zum Anlass, um die "Spatial Stories" in der Geschichtswissenschaft zu verdeutlichen. Dabei nähert er sich der Thematik dadurch, "Raum als ein Medium zu betrachten, auf die Herstellung von mit Bedeutung aufgeladenen Objekten und ihrer Situierung in einem räumlichen Ensemble" zu verweisen. Mit dem französischen Historiker Fernand Braudel zeigt er Raumbilder auf, die für die Geschichtsschreibung bedeutsam sind.

Matthias Middell von der Universität Leipzig referiert über "Spatial Turn und das Interesse an der Globalisierung in der Geschichtswissenschaft". Die Methodenkontroversen, die sich dabei in seinem Fach auftun und die sich mit den Termini cultural turn und spatial turn ausdrücken, erfordern eine Wende hin zu einer "Weltgeschichtsschreibung", in der sich Geschichte "in Form der gelebten Raumbezüge" darstellt.

Der Soziologe an der TU Darmstadt, Markus Schroer, spricht über die "Relevanz des Raums als soziologische Kategorie". Dabei setzt er sich mit dem Für und Wider der vielberufenen "Rückkehr des Raums i(m) sozialwissenschaftlichen Diskurs" auseinander. Er erkennt "ein gewisses Unbehagen gegenüber einem eingeschränkten Verständnis von Sozialität und auch eine gewisse Sehnsucht nach Konkretisierungen".

Rudolf Stichweh von der Universität Luzern zeigt "Kontrolle und Organisation des Raums durch Funktionssysteme der Weltgesellschaft" auf. Wenn die "Vollentdeckung des Erdballs in einem räumlichen Sinn" dazu führt, die Prozesse der Globalisierung als räumliche Konstruktionen zu erkennen, die gleichzeitig der Kontrolle durch soziale Systembildungen unterliegen, dann entsteht "der Eigenraum der Weltgesellschaft", in dem sich Funktionssysteme entwickeln, die einen spezifischen, geschichtlichen Umgang mit dem Raum erforderlich machen.

Der Literaturwissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, Niels Werber, breitet eine "Semantikgeschichte" aus, indem er über den Geocode der Medien als gesellschaftliche Selbstbeschreibungsformeln nachdenkt. Dabei entdeckt er die "Netzwerkgesellschaft", in der "der Geocode der Medien … als Semantik (darstellt), deren Traditionen die Beschreibungen der Medien codiert. Und als kultureller Effekt von Medien, deren Wirkungsmacht und Struktur in den unterschiedlichsten Selbstbeschreibungsversuchen der Gesellschaft" sich äußern.

Manfred Faßler, Kulturanthropologe an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M., bezeichnet den Versuch, über "grenzenlose Grenzen" und "unsichtbare Grenzen" zu sprechen, als "Cybernetic Localism". Dadurch verweist er auf die "neue Dimension der Raumerzeugung", die in einer "Ungenauigkeit des Räumlichen" zum Ausdruck kommt. Der "territoriale Raum" verliert in der Wirklichkeit des "Digitalen" an Bedeutung: "Es ist ein neues Raumformat entstanden: der Interface-Raum". Die Forschung darüber hat gerade erst begonnen.

Stefan Günzel, Medienwissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, nimmt die im wissenschaftlichen Diskurs aufgekommene Kritik an der spatial turn-Hinwendung zum Raum auf, indem er über die Probleme nachdenkt, die sich durch die "Abwendung vom Glauben an die Wirkungsmächte der historischen Zeit und die Hinwendung zum Raum als einen bedingenden Faktor" ergeben. Damit zeigt er die unterschiedlichen Raumparadigma auf.

Im zweiten Teil kommen die Humangeographen zu Wort.

Der bereits in der Einführung durch die Herausgeber als Wort- und Meinungsbildner der Spatial Turn Innovation herausgestellte Edward W. Soja von der University of California Los Angeles und der London Schools of Economics, nimmt mit dem Paradigma "Vom `Zeitgeist` zum `Raumgeist`" das neue Bewusstsein vom Raum als "spatial capital" und "spatial justice" in den Blick. Und mit Lefebvre, Foucault, Jane Jacobs und David Harvey argumentiert er: "Wenn wir annehmen, dass der Raum gesellschaftlich erschaffen wird, dann erkennen wir, dass wir ihn ändern können". Damit wird spatial turn zu einem Aufruf, politisch zu handeln und zu einem "politisierten räumlichen Bewusstsein".

Der Osnabrücker Physische Geograph Gerhard Hard bekennt, dass seine erste Auseinandersetzung mit dem spatial turn einem intellektuellen Schwindelgefühl gleichkam. Die Betrachtung von der Geographie her gerät dabei zur "Wiedererfindung der Geographie in der Geographie"; also nicht zu einem "Abgesang der Geographie", sondern "die Geographie vom spatial turn her besser zu verstehen".

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Geographie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Marc Redepenning, spricht von einer selbst erzeugten Überraschung, wenn er über die "Renaissance von Raum als Selbstbeschreibungsformel der Gesellschaft" nachdenkt. Für ihn ist die Benutzung von raumbezogenen Semantiken ein Indiz dafür, dass "die Bedeutung von Integration und Harmonie in einer funktional differenzierten Gesellschaft nach wie vor hoch im Kurs steht, und dass dies ferner in nicht unerheblichem Maße auf die Verschärfung der In- und Exklusion von Personen in oder aus Kommunikationszusammenhängen hinausführt".

Der ebenfalls in Jena tätige Roland Lippuner argumentiert über die "Räumlichkeit des Sozialen in der Systemtheorie", indem er auf Raumbilder der Gesellschaft verweist. Um "Sehfehler" bei der Beschäftigung mit gesellschaftlichen Funktionssystemen zu erkennen, bedarf es eines "räumelnden" Beobachtens, eines räumlichen Bildes der Gesellschaft also.

Dem Jenenser Sozialgeographen Benno Werlen geht es um "Körper, Raum und mediale Repräsentation". Dabei kritisiert er, dass beim Diskurs um spatial turn "zunehmend eine () mangelnde () Klärung des ontologischen Status von Raum" zu beobachten ist. Seine Empfehlung: "Die Bedeutung des spatial turn sollte eher darin gesehen werden, die Erforschung der spät-modernen gesellschaftlichen Rahmenverhältnisse zum wissenschaftlichen Programm zu machen, statt selbst Diskurse problematischer Verräumlichung zu produzieren".

Der Rektor der University of Warwick, Nigel Thrift, diskutiert mit seinem Beitrag "Raum" die Bedeutung des spatial turn in seiner Entstehungsgeschichte wie den Wirkungen auf wissenschaftliche und gesellschaftliche Deutungen. Der spatial turn habe sich "deshalb als folgenreich herausgestellt, da er Begriffe wie Materie, Leben und Intelligenz in Frage stellt … durch die Betonung der unnachgiebigen Materialität der Welt, in der es keine präexistierenden Objekte gibt". Mit den drei Vignetten – Mit anderen sein, Andere beeinflussen, Andere organisieren – denkt er über Wirksamkeit und Ursächlichkeit nach, "wie wir in der Welt sind, in der es keinen gesicherten Grund, aber immer noch Kohärenz gibt, und in der Nähe durch Verteilung (distribution) ersetzt wird".

Der Kulturgeograph von der Durham University, Mike Crang, bringt in seinem Beitrag das Verhältnis "Zeit : Raum" zusammen. Weil es "vielfältige Zeiten" und "vielfältige Räume" gibt und sie im philosophischen wie fachbezogenen Diskurs oft "in Form binärer Entgegensetzungen voneinander abgeleitet" werden und weil, wie Heidegger ausgedrückt hat, Zeit kein Ding ist, kann es nur darum gehen zu erkennen, dass "ihre Untrennbarkeit zur Begrifflichkeit selbst (gehört)".

Fazit

Man wird davon ausgehen können, dass die in der Anthologie versammelten Beiträge, als Zustimmungen und kritische Differenzierungen zum Raumparadigma Spatial Turn, den wissenschaftlichen Diskurs beleben werden. Es ist dabei zu hoffen, dass diese wichtige Metadiskussion nicht nur als intellektuelle Auseinandersetzung geführt wird, sondern auch Eingang in das gesellschaftliche, soziale und politische Handeln findet. Denn Begriffe beschreiben und machen Wirklichkeiten deutlich – und sie können sie auch verändern. Vielleicht gelingt es ja auch, den erst einmal etwas sperrigen Begriff in eine handhabbare deutsche Übersetzung zu bringen. "Who is afraid of the spatial turn?Ó, diese (angstvolle?) Frage wird sicherlich von den Buchbeiträgen nicht in aller Sinne beantwortet oder auch ausgeräumt; aber die aufgezeigten Positionen, die von der Herausgebern geordnet werden in die "emphatische Position", die "strategisch-neutrale Position" und in die "aversiv-souveräne Position", bringen Licht in den bisher geführten – oder eben auch (noch) nicht geführten - Diskurs über das Raumparadigma.

von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim





erschienen in: http://geschichte-transnational.clio-online.net
und H-Soz-u-Kult
, 26.09.2008

Die Moderne war geprägt vom Paradigma der Zeit, die Postmoderne hingegen vom Raum. Die durch Michel Foucault formulierte These von der (Wieder-)Entdeckung des Spatialen in den kulturellen und wissenschaftlichen Diskursen der jüngsten Vergangenheit bildet – allein schon aufgrund der Häufigkeit ihrer Zitation – den roten Faden des vorliegenden Sammelbandes. [1] Neuartig ist dabei nach Ansicht der Herausgeber die Kombination der Beiträge: Im ersten Teil wird ein breiter Überblick über Positionen zu einem und Gründe für einen spatial turn in den deutschsprachigen Kultur- und Sozialwissenschaften gegeben. Konzepte aus der Soziologie und der Medienwissenschaft gesellen sich hierbei zu kultur- und geschichtswissenschaftlichen Beiträgen. Den zweiten Teil des Bandes bilden Aufsätze von Human- und Sozialgeographen, die hier in größtmöglicher Konzentration auf die Neuentdeckung ihres vordringlichen Arbeitsgebietes durch die anderen Geistes- und Sozialwissenschaften antworten.

Die Einleitung der Herausgeber Jörg Döring und Tristan Thielmann versucht sich dementsprechend im Spagat zwischen beiden Perspektivlinien. Auf einen kurzen Aufriss der (Begriffs-)Geschichte des spatial turn als wissenschaftlicher Strategie und Agenda folgt die Forderung nach einem ‚common ground’, der den „vielen einzelwissenschaftlichen Begründungen für einen spatial turn“ Standsicherheit verleihen könnte. Natürlich setzt ein solcher Versuch sich immer der Gefahr aus, „es könnte sich herausstellen, dass es den einen spatial turn nicht gibt, sondern viele verschiedene“ (S. 11). Gerade von der Konfrontation von kultur- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen mit der Humangeographie erwarten sich die Autoren also interessante Effekte – entweder die Auflösung paradigmatischer Annahmen der Geographie, und damit konsequenterweise der Geographie selbst, oder aber die Entlarvung des nichtgeographischen Hantierens mit dem Raum als heillos reduktiver und primitiv-semantischer Reterritorialisierung von Sprache und sozial-kultureller Praxis. Beide Vermutungen – das kann hier bereits gesagt werden – finden beim Lesen des Bandes keine Bestätigung. Für erfreuliche Reibungsfunken aber sorgen die größtenteils produktiven und sich um einen gemeinsamen Referenz- und Begriffsrahmen bemühenden Aufsätze, die in und aus ihren jeweiligen Disziplinen heraus ihr jeweiliges (nicht immer aber neues) Interesse am Raum als Beschreibungs-, Wahrnehmungs- und Handlungskategorie legitimieren.

Der Münchner Romanist Jörg Dünne macht sich in seinem Beitrag zur Karte als Raummedium Gedanken über die historische Tiefe des derzeitigen Interesses am Raum. Eigentlich wenig überraschend kommt er zu der Aussage, dass dieses durchaus nicht als neu angesehen werden kann, sondern sich „als späte Reaktion auf eine durchaus anders gelagerte Wendung zum Raum darstellt, die sich bereits zu Beginn der Frühen Neuzeit vollzogen hat“ (S. 49). Seine nachfolgenden Untersuchungen zur Kartierung als doppelter Operationalisierung des Raumes – einerseits als vermessbarer, territorialisierter Raum der Macht, andererseits als symbolischer Raum des Wissens – bauen jedoch auf dieser Erkenntnis auf. Nachdem im Zuge der europäischen Entdeckungsreisen im 16. und 17. Jahrhundert der Welt-Raum sich einem unmittelbaren Erfahrungs-Raum immer mehr entzieht, wird die kulturelle Praxis des Kartierens als eine mögliche Antwort auf die sich daraus ergebenden Veränderungen im Raumverständnis zur dominanten Strategie. Dünnes Anliegen ist es, diese Entwicklung als durchaus nicht selbstverständlich, sondern vielmehr als eine der medialen Praxis zu kennzeichnen, die ein neuzeitliches Raumverständnis erst konstituiert und festigt. Denn nicht der Vorgang des Kartierens ist es, der in der Frühen Neuzeit ‚erfunden’ oder ausgeprägt wird, sondern die Tatsache, dass ein erstmals territorial gedachter Raum in ein abstraktes Medium übertragen und damit ein durchgängiger indexikalischer Bezug zwischen Karte und Territorium hergestellt wird (S. 56f). Damit aber, mithin auch der Einführung gemeinsamer Regeln zur Repräsentation von Raum im Medium Karte, kann ein modernes, systemisches Raumverständnis überhaupt erst in Gänze ausgeprägt werden und zur Wirkung kommen.

Einen Überblick über die verschiedenen Raumsemantiken und ihre Entwicklung in der Geschichtswissenschaft geben die Beiträge von Eric Piltz (Dresden) und Matthias Middell (Leipzig). Piltz benennt als die gegenwärtig meistverbreiteten Anwendungen die definitionsresistente Raummetaphorik, die Beschreibungskategorien von skalierbaren Analyseebenen wie Staat, Stadt, Viertel und individuellem Umgebungsraum sowie die relativ neue Perspektivisierung von Raum als Universalmedium sozialer und kultureller Aneignung. In Abgrenzung dazu fragt Piltz am Beispiel des Werkes Fernand Braudels nach dem Raumverständnis der nouvelle histoire und dessen Implikationen. Neben der Feststellung, dass verschiedene Konzepte von Raum für die gegenwärtige Geschichtsschreibung kein Novum darstellen, ergibt sich für ihn vor allem eine Möglichkeit zur Selbstreflexion, die – dies als ein erstes Fazit des Bandes – nicht nur für die Historischen Wissenschaften Bedeutung hat: „Spatial turn, das heißt […] Geschichte in ihren räumlichen Bedingungen zu denken und den Veränderungen der Raumwahrnehmung selbst auf die Spur zu kommen. Und dabei zu bedenken, dass die damit einhergehende Veränderung des Raumbegriffs wiederum auf die Formen der Geschichtsschreibung selbst wirkt“ (S. 94). Die durch Middell abgefasste Geschichte des spatial turn in der Geschichtswissenschaft offenbart sich dementsprechend als eine der Brüche und Inkonsistenzen. Besondere Beachtung finden bei ihm die Herausforderungen, vor welche sein Fach sich durch politisch und ökonomisch räumliche Krisen – z.B. die Umstrukturierung Europas nach 1989 oder die diversen Globalisierungswellen seit 1770 – gestellt sieht. Sein Vorschlag für eine Globalgeschichtsschreibung sieht daher eine intensive Fokussierung auf räumliche Prozesse der De- und Reterritorialisierung in Krisenphasen, mithin also der „Erschütterung, Ablösung bzw. Etablierung von Territorialitätsregimes“ [2] (S. 117), vor.

Auch die Beiträge der Soziologen Markus Schroer (Darmstadt) und Rudolf Stichweh (Luzern) befassen sich mit der innerfachlichen Debatte um den Raum als Beschreibungskategorie, der in den Abgrenzungskämpfen der Sozialwissenschaften (v.a. gegenüber der Geographie) lange Zeit unterzugehen drohte. Schroer gibt zunächst einen Überblick über die verschiedenen Strömungen innerhalb der Soziologie, die verschiedentlich den Raum verabschiedet oder wiederentdeckt haben, um schlussendlich dazu zu kommen, Grundbegriffe und Basisannahmen seines Faches zum Raum (wie auch sein Verhältnis zur Zeit) angesichts der Phänomensammlung Globalisierung neu zu gewichten. Hingegen geht es Stichweh eher um eine Implementierung bzw. Herausarbeitung von räumlichen Konzepten in die oder aus der systemische(n) Theorie der Weltgesellschaft. Raum wird hier als rein kognitives Konstrukt aufgefasst, „auf das die Kommunikation zurückgreift und aus dem sie Folgerungen für die Organisation von Weltgesellschaft ableiten kann“ (S. 153).

Der kommunikative Aspekt des Raumbegriffs spielt naturgemäß auch in der medienwissenschaftlichen Perspektive eine hervorgehobene Rolle. Der Bochumer Literatur- und Medienwissenschaftler Niels Werber stellt fest, dass dominante Medienumbrüche wie die Erfindung des Buchdrucks, die systematische Einführung der Hochseeschifffahrt oder die elektronische Revolution der Weltgeschichte nicht nur einen globalen Raum erschließen, sondern diesem Raum zugleich auch eine soziale Ordnung einprägen, ihn gleichsam als Objekt restloser „Raumnahme“ durch ebendiese Sozialordnung geo-codieren (S. 166). Irritiert von den unterschiedlichen kulturellen Ausdeutungen dieses Geocodes der Medien, die zu völlig verschiedenen Wahrnehmungen und Bewertungen des Raums wie seiner Auswirkungen auf die Gesellschaft führen, fragt er nach den Selbstbeschreibungsformeln der jeweiligen Gesellschaft. Diese generieren nämlich ihre semantische Plausibilität durch besondere Referenz auf solche Medien der Raumnahme. In einer abschließenden Konzentration auf die Formel von der ‚Netzwerkgesellschaft’ kommt Werber zu dem Schluss, dass Dominanz gewinnende Beschreibungsformeln wiederum auf die Geo-Codierung der Medien Einfluss nehmen; diese also „ganz unterschiedliche Formen der Räumlichkeit der Gesellschaft [plausibilisieren]“ (S. 181) können. Noch einen Schritt weiter in der kommunikativen Bestimmung von Raum geht der Frankfurter Medienanthropologe Manfred Faßler. Er kennzeichnet die spätmittelalterliche Neubestimmung des Raums als spatium (im Gegensatz zum topos) als eine protomoderne Strategie, „Ordnung lokal, räumlich und institutionell anwesend und sichtbar zu machen“ (S. 186), diesen also ausschließlich als Verwaltungs- (oder ‚Speicher-’)raum zu entwerfen. Raum als sozial erzeugtes Ordnungsmodul entfaltete dabei eine gewaltige Prägekraft für die Wahrnehmung und Anwendung von Machtrelationen – als kulturelle Codierung von Grenzen zur Unterbindung von „Ich-Metamorphosen“. Unter den Bedingungen beschleunigter „Mediamorphosis“ aber, den Folgeerscheinungen globaler Arbeitsteilung und elektronisch erzeugter Medien- und Informationswelten, wandelt sich Raumwahrnehmung zum ständig verhandelbaren Phänomen der Kommunikation. Faßlers Bestimmung von Raum als „mehr oder minder komplexe Geste der Anwesenheit“ (S. 190) ermöglicht ihm, diesen – neben seiner unbestreitbaren Eigenschaft als Agent der Souveränität – auch als virtuellen Entwurf einer Gemeinschaft (community) zu konzeptualisieren, die sich seiner aktiv als ‚Schlüsselmöglichkeit’ zur Kommunikation bedient. Zusammenhangsräume (Gesellschaft, Staat, Nation, Kultur) werden seiner Auffassung nach zunehmend von Zustandsräumen (Communities, Netzwerken, Cybersocieties) durchdrungen. Der statisch und geometrisch gedachte Ordnungsraum der Moderne wird also ergänzt (und gekreuzt) von vorläufigen, änderungssensiblen und immer neu generierten Community-Räumen, die es als solche erst noch zu erforschen gilt. In einem den ersten Teil abrundenden Beitrag begibt sich schließlich der Potsdamer Medienwissenschaftler Stephan Günzel auf die Suche nach Unterscheidungskriterien, die das neue oder nur verlängerte Reden über Raum in den Kultur- und Sozialwissenschaften besser einordnen helfen könnten. Seine eher knapp geratene Differenzierung des spatial turn in tatsächlich entgegen gesetzte, wenn auch aufeinander bezogene, Bewegungen und Forschungsdesigns eröffnet den Blick auf methodisch wie inhaltlich differente Stoßrichtungen und ihre jeweilige Kritik. Kurze Ausblicke auf die topographische Suche nach Machtrepräsentationen in kulturellen Praktiken oder topologische Strukturanalysen von Machtgefügen offenbaren verschiedene Sichtweisen auf soziale Phänomene, denen auch unterschiedliche Raumbegriffe zugrunde liegen. Sichtbar wird jedoch, dass die oft schon wieder totgesagte räumliche Wende in den Humanities noch immer durch innovative Fragestellungen weiter belebt werden kann.

Der zweite, gleich gewichtete Teil der Anthologie bietet nun der Humangeographie Platz und Möglichkeit, eine eigene Einschätzung zu formulieren. Der ubiquitäre politische Geograph Edward W. Soja (Los Angeles/London) ruft dabei als erster (und einziger) die Neu-Bewusstmachung des Raums in den Sozialwissenschaften geradezu als eine Revolution im Geschichts-, Gesellschafts- und Menschenbild der Postmoderne aus. Nach einem kurzen Resümee seiner Publikationen zum ‚Thirdspace’ tritt er für die nachhaltige Politisierung des Raumes durch die Konzeptualisierung und Nutzung räumlichen Kapitals (der Dichte und Vernetzung in den Städten) und räumlicher Gerechtigkeit ein. Sofort darauf aber erfolgt eine Relativierung des Gesamtphänomens spatial turn überhaupt durch Gerhard Hard, auch nach seiner Emeritierung wortstarker Verfechter fortdauernder Reformen in der modernen Geographie. An der Fachgeschichte setzt Hard denn auch an, wenn er mit der unklaren Semantik im kultur- und sozialwissenschaftlichen Raumdiskurs hart ins Gericht geht. Den ‚semantischen Schwindelgefühlen’, die ihn bei der Lektüre der Literatur zum spatial turn befallen, versucht er mit einem Exkurs in die Fach- und Begriffsgeschichte der Geographie beizukommen. Dabei stellt Hard – womöglich nicht in jedem Falle zu Recht, doch mit klarer und überzeugender Deutlichkeit – Parallelen zwischen altgeographischen Theoremen (Kultur-Raum, Landschaft) und einzelnen geisteswissenschaftlichen Perspektiven auf Raum als nicht-materielle, gleichsam metaphysisch aufgeladene Anordnung von Natur und Kultur fest. Auf der Suche nach Erklärungen für diese Wiedererfindungen von in der Geographie schon länger überwunden geglaubten Konzepten vermutet er einen schlichten rhetorischen Trick (ohne aber die Bedeutung eines spatial turn damit zu entkräften oder zu delegitimieren!): die Wiedereinführung des Raumes in den wissenschaftlichen Diskurs wird als Phänomen und Mittel der Evidenzproduktion in Phasen der ontologischen wie auch methodischen Verunsicherung markiert. Die hier durch Hard unterstellte Suche nach dem ‚Realen’ kann dabei durchaus als Anregung verstanden werden, sich der selbst verschafften Determinanten bewusst zu bleiben, nicht aber als Zurückweisung der nicht-geographischen Annäherungsversuche oder der Verteidigung der eigenen Fachgebiete – wie dies die Herausgeber des Bandes vermuten (S. 34f).

Aversive Positionen nehmen auch die weiteren Beiträger nicht ein, vielmehr versuchen Marc Redepennig, Roland Lippuner und Benno Werlen (alle Jena), den aufschäumenden Diskursblasen dieses ‚ontologischen Slums’ (G. Hard) eine auch für Geographen nutzbare Substanz zu entringen. Während Redepennig und Lippuner sich vor allem auf die Raumsemantik und ihre Funktion in der Systemtheorie beziehen, versucht Werlen die neueren Entwicklungen in der Geographie mit denen in den anderen Kultur- und Sozialwissenschaften abzugleichen. Die von ihm dabei festgestellte „Wende […] von der Raum- hin zur Praxiszentrierung, von der Raumanalyse zur wissenschaftlichen Erforschung der alltäglichen Praxis des Geographie-Machens“ (S. 365) trifft eben beileibe nicht nur auf die Geographie selbst zu. Gerade die Neubewertung des Raums als ein Agens sozialen und kulturellen Handelns von Akteuren (!) macht einen nicht unerheblichen Teil des spatial turn aus. Dementsprechend bemühen sich die beiden letzten Beiträge von Nigel Thrift (Warwick) und Mike Crang (Durham) auch um die Fächergrenzen sprengende Perspektiven auf die Konzeption und besonders die Erfahrung von Raum. Thrifts Konzept eines sense of space jenseits des romantischen Glaubens an den sicheren Ort oder metaphysischer Raumgebundenheit der Völker wird paradigmatisch in der Kunst realisier- und erfahrbar: Es ist ein ästhetischer Entwurf des miteinander Seins in ständiger Bewegung, kulturellem Austausch und organisatorischer Performanz. Solch ein anders zu gestaltendes Wahrnehmen des Raums fordert auch der Kulturgeograph Mike Crang. Im letzten Aufsatz des Bandes setzt er sich für eine Rehabilitierung der Zeit als Handlungs- und Wahrnehmungskategorie ein, die vom Raum weder zu trennen, noch ihm entgegen gesetzt ist. Seine Schlüsse über die Vielfältigkeit von Zeitbegriffen und Zeitwahrnehmungen sowie ihre Bindung an Handlung in Zeit-Räumen lassen nicht nur für Geographen erweiterte Forschungsfelder aufscheinen. Gerade die kulturell verschiedenen Ausprägungen von Zeit-Raum-Relationen und insbesondere ihre Formulierung und Spiegelung in literarischen und anderen künstlerischen Zeugnissen dienen sich als ergiebige Objekte vielfältiger handlungsbezogener Forschungsstrategien an und lassen eine gegenwärtig zu befürchtende Überbewertung des Raums gegenüber der Zeit als wenig ratsam erscheinen.

Damit schließt ein Sammelband, der durch die breitestmögliche Abdeckung bestehender Positionen und der gleichzeitigen Aufforderung zum fortgesetzten Dialog besticht. [3] Die kluge Auswahl konziser Aufsätze erzeugt gerade wegen ihrer oft deutlichen Fachgebundenheit und dem immer wieder spürbaren Unverständnis und den Unsicherheiten einzelner Autoren angesichts anderer disziplinärer Zugänge eine große potentielle Streubreite an Effekten zwischen den Texten. Die großteils diszipliniert strukturierten Beiträge geben nämlich nicht nur wichtige Einblicke in die jeweiligen Abgrenzungskämpfe der Einzelwissenschaften, sondern versuchen sich immer auch an vergleichenden Beobachtungen und Erkenntnissen. Das dabei wie selbstverständlich mitreflektierte Changieren der eigenen Perspektiven zwischen der „Raumfalle“ des Essentialismus und der begrifflichen Beliebigkeit metaphorischer Räume bezeugt die Reife des Diskurses, ohne dass damit sämtliche Zweifel aus der Welt geschafft wären. So bleibt dem Band nur zu wünschen, dass er nicht als Standardwerk in dem Sinne aufgefasst wird, hier würde der spatial turn in den Kultur- und Sozialwissenschaften abschließend erfasst und damit erledigt. Vielmehr sollten die hier versammelten Konzepte in ihrer Unvollständigkeit und Offenheit als Handlungs- und Anwendungsaufforderungen verstanden werden, die der Ausführung und Vertiefung bedürfen.

Anmerkungen:

[1] Der Band stellt das deutlich überarbeitete Ergebnis der interdisziplinären Tagung „Der Geocode der Medien. Eine Standortbestimmung des spatial turn“ dar, die im Oktober 2006 im Rahmen des Projekts ‚Kulturgeographie des Medienumbruchs analog/digital’ am SFB/Forschungskolleg Medienumbrüche der Universität Siegen stattfand.

[2] Die Begrifflichkeit wird dabei dankbar aus der Sozialgeographie John A. Agnews und Neil Brenners übernommen; interdisziplinär ausgearbeitet wird sie derzeit in einem Leipziger Graduiertenkolleg zu „Bruchzonen der Globalisierung“.

[3] Auch wenn dieser sich vordergründig als künstlich erzeugter gibt. So wird der in der Einleitung bemängelte allgemeine Zitierzirkel in dieser am deutlichsten ein- und auch danach in ermüdender Konsequenz fortgeführt. Allerdings geben die Beiträge dem Leser auch darüber hinaus genügend Möglichkeiten zur wechselseitigen Reflexion.

von Micha Braun





erschienen in: MEDIENwissenschaft, 1/2009

Buchtitel mit dem Appendix ,Turn' genießen vor allem im Diskurs der Kulturwissenschaften immer noch hohen Wiedererkennungswert, lösen aber auch spontane Übersättigungsgefühle aus, so wiederkäuend zeigt sich manchmal das Begriffsmarketing im wissenschaftlichen Feld. Denn mit der mehr oder minder drastischen ,Wende' werben mittlerweile so zahlreiche wissenschaftliche Werke, dass sich ein ziemlich großflächiges Theoriegelände im Zustand ständiger Erosion befinden müsste. Mit dem Spatial Turn konkurrieren in den Kulturwissenschaften immerhin zugleich noch der Performative, der Iconie, der Pictorieal, der Mnemonic, wie auch der Transnational Turn.

Der Spatial Turn nun, so erklären die Herausgeber des Essaybandes mit gleichnamigem Titel, sei jedoch ganz und gar notwendige Reaktionsbildung auf eine Stilblüte postmoderner Medientheorie, die bekanntlich ein Argument radikalisierte, das in Umlauf war, seit man die raumprägenden Konsequenzen von Elektrifizierung und Eisenbahn im 19. Jahrhundert beobachtete: Eine medien-wie verkehrstechnisch induzierte Verdichtung raumzeitlicher Wahrnehmungshorizonte, jene "time-space-compression", von der der Geograph David Harvey als erster gesprochen hatte (The Condition of Postmodernity. An Enquiry into the Origins of Cultural Change [Oxford/Cambridge 1989]). Telekommunikationsfortschritte, die mikroelektronische Revolution und jüngst das Internet haben der postmodernen Raumignoranz seitdem die Argumente geliefert, einer durch gesteigerte Kommunikationsgeschwindigkeiten ausgelösten ,Auslöschung des Raumes' das Wort zu reden. Medientheoretische Überbietungsrhetoriken dieser Couleur, mal kulturkritisch, mal lustvoll apokalyptisch das Verschwinden des Raumes proklamierend, müssten nun in ihre Grenzen verwiesen werden, so der programmatische Anspruch, unter dem die Herausgeber eine fächerübergreifende Anthologie zur ,Räumlichen Wende' vorlegen. (vgl. S.15ff.)
Entsprechend besteht die Gemeinsamkeit der kultur- und sozialwissenschaftlichen Einzelbeiträge darin, eine theoretische Perspektive zu fokussieren, in der die Grenzen der vermeintlichen Enträumlichung und Entortung des Medienbegriffs sichtbar werden. Sie wollen zu einer Reterritorialisierung der Diskurse im Kontext des digitalen Medienumbruchs beitragen, indem sie zum einen meta-theoretisch ausloten, welche Forschungsagenda aus der jeweiligen Fachperspektive mit der ,Räumlichen Wende' gemeint ist, zum anderen lassen sie dieser explorativen Selbstvergewisserung eine Resonanz aus den Einzeldisziplinen folgen, indem etwa die sozio-ökonomischen Konsequenzen des Mediengebrauchs konkret verortet werden: Zur Herstellung von Mikroprozessoren werden Rohstoffe benötigt, die knapp werden - um das Coltan wird seit vielen Jahren im Kongo ein blutiger Bürgerkrieg geführt; der Energieverbrauch des WWW steigt seit Jahren an. (vgl. S.15) Das ist die global-ökonomische und politische Seite der angeblichen Deterritorialisierung im Cyberspace, die im Tenor der Beiträge in die Geo-Semantik einer kommunikationstechnisch hochgerüsteten Netzwerkgesellschaft zurückgeholt und in ihren ambivalenten Entwicklungstendenzen vorgeführt wird: Territorialität bleibt als eines der organisierenden Prinzipien sozialer Beziehungen von elementarer Bedeutung; die Orte der Lebenswelt bleiben, sind aber nunmehr als medialisierte neu zu denken.

Wenn nun auch der Buchtitel nicht besonders geglückt scheint, so beglücken doch die einzelnen Ansätze in ihrem Forschungsdesign, welches von einer handlungs- bis zur systemtheoretischen Modellierung reichend, unisono das Plädoyer für eine diskursive Reintegration der Raumsemantik plausibel vorführt.

von Tim Raupach (Leipzig)





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