Äther

Ein Medium der Moderne

Herausgeber:
Jens Schröter, Albert Kümmel-Schnur
Autoren:
Jens Schröter, Tristan Thielmann, Frank Furtwängler, Wolfgang Hagen, Marius Hug, Christian Kassung, Stefan Kramer, Albert Kümmel-Schnur, Alexandra Lembert, Antje Pfannkuchen, Laurence A. Rickels, Stefan Rieger, Holger Steinmann, Jürgen Stöhr

Transcript, Bielefeld 2008
ISBN-Nr.: 978-3-89942-610-6

Wer heute über 'Medien' spricht, denkt nur selten an das schon in der Antike bekannte fünfte Element, den Äther. Gerade im 18. und 19. Jahrhundert haben Äther-Diskurse jedoch erheblich an der Formierung des modernen Medienbegriffs mitgewirkt. Im Namen des Äthers erprobte man experimentell Thesen, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Namen "Massenmedialität" eine Adresse fanden. Eine Gemengelage aus physikalischem und okkultistischem Wissen gestattete es, dieses zentrale Konzept moderner Medientheorie lange vor ihrem Begriff zu denken.

Leseprobe




Rezensionen:


erschienen in: MEDIENwissenschaft, 2010/01

Mit dem vorliegenden Band stellt das Kulturwissenschaftliche Forschungskolleg 615 ,Medienumbrüche' der Universität Siegen erneut unter Beweis, wie fruchtbar der hier verfolgte Forschungsansatz ist. Im Rahmen des Kollegs werden nicht allein medientheoretische Diskurse analysiert, seine Transdisziplinarität und derinterkulturelle Ansatz erlaubt die Öffnung hin zu weiteren Perspektiven. So werden im Forschungskolleg neben technologischen Aspekten von Medienumbrüchen Fragestellungen diskutiert, welche aus so unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen wie Anthropologie, Kulturgeschichte und Literaturwissenschaft hervorgehen und ~!e die hier untersuchten Umbrüche bestimmen und begleiten. Als Vorarbeit für Ather kann in gewisser Weise der von Albert Kümmel und Petra Löffler herausgegebene Band Medientheorie 1888-1933 (Frankfurt a.M. 2003) gelten, in dem verschiedene grundsätzliche Fragen untersucht werden die im Zusammenhang mit dem Ätherbegriff stehen. '

In seiner Einleitung zum vorliegenden Buch stellt Albert Kümmel-Schnur zunächst die Frage, warum Äther als Thema der Medienwissenschaft von Bedeutung sei. Ausgehend vom Erfolg der Medienwissenschaft sowohl als Fach bei den Studierenden, als auch bezüglich ihres Einflusses in den Geisteswissenschaften allgemein, fällt jedoch rasch auf, wie vage ihr Gegenstand und damit zugleich ihre Forschungsrichtung inkohärent ist.

Beim schwierigen Versuch der Definition des Medienbegriffs wird hier auf die Geschichte zurückgegriffen: Der Brockhaus verzeichnet in seiner Ausgabe von 1932 drei Medienbegriffe: einen physikalischen, linguistischen und spiritistischen. Interessanterweise liegt das Gewicht des Artikels eindeutig auf dem spiritistischen, die anderen beiden Unterbegriffe werden nur knapp abgehandelt. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie einen Ort zwischen Aktivität und Passivität bezeichnen also die Funktion übernehmen, die Lücke zwischen Bewegung und Ruhe zu s;hließen. Der Begriff des Äthers kommt im Zusammenhang mit dem physikalischen Medienbegriff ins Spiel. Kümmel-Schnur hält fest: "Von den ersten Äthertheorien der Antike durch die ganze Geschichte des oder besser der Äther hindurch wird es stets um Fragen der Impulsübertragung, der Bewegungsweiterleitung, desNachrichtenflusses gehen. Der Äther ist dabei entweder das die träge Materie erst aktivierende Handlungsprinzip oder aber selbst eine bloß inerte, wiewohl gewichtslose Materie, die bewegt werden will und muss." (S.17)

Bis zur Verabschiedung des Äthers als Medium in der Physik durch EinsteinsAufsatz "Über die Elektrodynamik bewegter Körper" von 1905 galt der Äther alsdas, was die Einheit der physikalischen Phänomene - Elektrizität, Magnetismus,Licht - garantierte sowie die Einheit von Aktivität und Passivität. Die traditionellen Ätherkonzepte beruhten auf einer mechanisch argumentierenden Physik,der die Prinzipien von Stoß und Gegenstoß, von Impulsen und ihrer Weiterleitung zugrunde lag. Durch Einsteins revolutionären Aufsatz wurde dieses Verständnisder Physik und der Natur hinfällig, auch wenn es noch einige Zeit dauerte, bis sich diese Anschauung im Laufe der 1930er Jahre durchsetzte und konsequenterweise der Äther seine Bedeutung verlor. Mit Einstein verliert der Äther seinen substantiellen Charakter und löst sich auf, als die Physik ihren Fokus auf Relationsgefüge hin verschiebt, das in der Relativitätstheorie als eigenes Medium figuriert. Kümmel-Schnur führt den Gedanken weiter: "Eben ein solch selbsttragendes Medium aber, ein Medium, das nach der Auflösung des stofflichen physikalischen Mediums ,Äther' bleibt, macht Medienwissenschaft erst möglich und interessant." (S.25)

Es stellt sich nun aber die Frage, worin genau der Zusammenhang zwischen dem Begriff des Mediums und dem des Äthers besteht. Kümmel-Schnur weist zunächst nur abstrakt daraufhin, Medienwissenschaft und Äthertheorie seien "historisch und epistemologisch [ . .. ] aufeinander bezogen" (S .22) und zeichnet dann die Genealogie eines ätherischen Medienbegriffs beginnend mit den Wahrnehmungstheorien Thomas von Aquins nach. Es zeigt sich, dass der Äther ein Medium im Sinne eines Dazwischen, eines Relations- und Übertragungsortes ist. Damit avanciert er zum Modell von Medialität: dieselbe Unbestimmtheit kombiniert mit dem Anspruch auf universale Geltung. Hiermit wird auch auf die schwierige Situation der Medienwissenschaft hingewiesen, sofern sie zugleich theoretische Wissenschaft wie konkrete Praxis sein will. Diese durchaus ungewöhnliche Perspektive als Diskussionsgrundlage verstanden, hat in diesem Sammelband zu einigen sehr fruchtbaren wie kreativen Ansätzen geführt, welche eine Basis für weitere kritisch-reflektierte Auseinandersetzungen einzufordern versprechen. Die Aufsätze des vorliegenden Bandes widmen sich den verschiedenen Ausprägungen des Verhältnisses der Begriffe von Äther und Medium, indem sie durch historische Fallbeispiele verschiedene Stationen ihrer gemeinsamen Geschichte markieren. Somit ergänzen sie die in der Einleitung angerissene Genealogie des Begriffes Medium, tragen zur Standortbestimmung der Medienwissenschaft bei und eröffnen ihr zudem neue Perspektiven. Dies geschieht im Ausgang aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und führt zu divergenten Schlussfolgerungen: Stefan Kramer geht von der philosophischen Phänomenologie Henri Bergsons aus, Stefan Rieger stößt auf den Äther als Medium in der Kulturtheorie Aby Warburgs, Christian Kassung und Marius Hug beschäftigen sich mit einem Konnex von Architektur und Physik, der in das Konzept eines neuen Äthers mündet, während Jürgen Stöhrs kunsthistorischer Aufsatz auf einer provokativen Note endet, wenn er ,Äther' als Alibibegriffbezeichnet, ebenso wie der Begriff ,Sinn' in der Kunstgeschichte als Alibibegriff fungiert. Wie die literaturwissenschaftlichen Beiträge zeigen, scheint der Begriff des Äthers hier eine besonders fruchtbare Untersuchungsperspektive zu bieten. Holger Steinmann untersucht so unterschiedliche Dichter wie Friedrich Hölderlin und Edgar Allen Poe unter dem Aspekt des Zusammenhangs von Sprache und Äther.

Die zahlreichen Facetten des Bandes unterstreichen die Vielgestaltigkeit der Medienwissenschaft sowie die Notwendigkeit einer Disziplinierung der Disziplin. Dies kann mögficherweise durch die Besinnung auf ihre Wurzeln geschehen. Insofern leistet A'ther einen wichtigen Beitrag zur Debatte, da die hier versammelten Aufsätze sowohl an übergeordnete Fragen und Probleme rühren, als auch Modelle für die praktische Anwendung zeigen.

von Nina Riedler (Berlin, Duisburg-Essen)





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