Trancemedien und Neue Medien um 1900

Ein anderer Blick auf die Moderne

Herausgeber:
Marcus Hahn, Erhard Schüttpelz
Autoren:
Marcus Hahn, Erhard Schüttpelz, Walter Bruchhausen, Johannes Dillinger, Michael Gamper, Wolfgang Hagen, Michael Hochgeschwender, Eva Johach, Ulrich Linse, Nicole K. Longen, Petra Löffler, Uwe Schellinger, Annette Werberger, Barbara Wolf-Braun, Helmut Zander

Transcript, Bielefeld 2009
ISBN-Nr.: 978-3-8376-1098-7

Der Globalisierungsschub um 1900 wurde durch das Aufkommen Neuer Medien mitgestaltet – und von Debatten über die Modernität von Trance begleitet. Insbesondere der Spiritismus und die moderne Esoterik lösten durch ihre kosmologischen Ansprüche Diskussionen über die Modernität von Trancemedien und ihre Verwendung Neuer Medien aus. Viele Diskurse und Praktiken um 1900 setzten Trance-Erfahrungen in Neue Medien um, legitimierten Trancemedien durch Neue Medien oder bezweifelten und bekämpften Trance-Erfahrungen durch Neue Medien, die seither – und genau deshalb – »Medien« heißen. Der Band führt in dieses neue Forschungsfeld ein und verbindet medienwissenschaftliche, religions- und medizinhistorische Perspektiven.

Leseprobe




Rezensionen:


erschienen in: artnet Magazin, 19. März 2009
http://www.artnet.de/magazine/books/findeisen/findeisen03-19-09.asp

„The next Uri Geller“, „The Mentalist“ oder „Astro-TV“ – das sind nur drei aktuelle Beispiele, in denen Personen mit offenbar übersinnlichen Kräften scheinbar übernatürliche Dinge verrichten. Sie bringen Uhren wieder zum Ticken, verbiegen Löffel, helfen mittels parapsychologischen Handwerkszeugs, Kriminalverbrechen aufzuklären oder sehen Schicksale voraus. Hierbei handelt es sich um Auftritte personaler Trancemedien. Nichts daran ist neu. Und dass es sich dabei um astreine TV-Formate handelt, ist auch kein Wunder. Wir befinden uns inmitten einer hoch informierten und medial aufgerüsteten Wissensgesellschaft. Und trotzdem. Oder gerade deshalb. Die Skepsis ist hoch. Die Quote auch. Pendeln, Handauflegen, Ufos – das Bedürfnis, abseits des rational Erfassbaren Unsichtbares aufzuspüren und Magisches zu erfahren, ist ungebrochen. Daraus lässt sich schließen: Es gibt die Trancemedien niemals allein. Sie legitimieren sich mithilfe neuer Medien und sind Teil eines Medienkollektivs, in dem es neben Sendern auch willige Empfänger gibt. Und deshalb ist nichts daran so einfach, wie es zunächst aussehen mag.

Nicht den Begleiterscheinungen der Gegenwart, dafür der Historie dieser Trancemedien widmet sich nun die bei Transcript erschienene Publikation „Trancemedien und Neue Medien um 1900“. Herausgegeben von Marcus Hahn (Research Fellow am IWK Wien) und Erhard Schüttpelz (Professor für Medientheorie an der Universität Siegen) verweist der Untertitel „Ein anderer Blick auf die Moderne“ gleichsam auf den Anspruch der Unternehmung: Wurden die Phänomene des Okkulten – etwa Magnetismus, Spiritismus, Séancen, Geistertelegraphen oder Somnambulismus – bislang hauptsächlich medienwissenschaftlich diagnostiziert, also nach technischen, ästhetischen und naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht, etablierte sich parallel dazu und quasi getrennt davon die Historisierung der Esoterik. Der vorliegende Band versucht nun, beide Stränge erstmals miteinander zu verknüpfen und will dabei nichts Geringeres, als ein neues, umfassendes Forschungsfeld abstecken. Medienwissenschaftliche und ethnografische Perspektiven kommen darin genauso zu Wort wie religions- und medizinhistorische. Entstanden ist eine spannende Wissenschaftslektüre, die nicht eingeweihten Lesern allerdings mitunter einiges abfordert.

Den Ausgangspunkt bildet die These, wonach der Globalisierungsschub um 1900 entscheidend durch das Auftreten neuer analoger Medien wie Fotoapparat, Telefon und später Radio und auch Fernsehen mitgestaltet wurde und dies wiederum mit der Diskussion um die Modernität bzw. Modernisierung von Trancepraktiken einherging. Um es vorwegzunehmen: Im Zusammenhang mit der Entwicklung neuer Medien handelt es sich, so das Buch, bei Trancemedien und Mediumismus, also die Weitergabe von Visionen, eben nicht um nebensächliche Betriebsunfälle der Moderne. Vielmehr sind sie kreativer Teil derselben. Es wäre also verfehlt, mit der kritischen Haltung eines Mark Twain die Trancepraktiken und ihre Medien als obskurantistische Erscheinungen abzustempeln, die nur Falsches produzieren. Stattdessen sollte man darauf schauen, in welchem Umfang sie zur Entstehung und Sozialisierung einer Mediengesellschaft nebst dazugehöriger Medientheorie beigetragen haben, was verschiedene Autoren an verschiedenen Themenbereichen veranschaulichen.

So skizziert Michael Hochgeschwender am Beispiel des amerikanischen Spiritismus im 19. Jahrhundert den Modernisierungsschub für das Rollenbild der Frau. Zwar bemüßigten sich in der medialen Kommunikation mit dem Jenseits zumeist Männer als Geistführer, doch waren rund 75 Prozent aller Medien Frauen. Damit „desexualisierte“ einerseits „das Bürgertum seine Perzeption der Weiblichkeit“, andererseits eröffnete die Spiritualität den Frauen „zuvor unbekannte Karrierechancen, dank derer sie den Männern fast gleichgestellt waren.“ Dabei ist es fast unerheblich, dass beispielsweise die damals berühmten Fox-Schwestern, die durch vermeintliche Klopfgeräusche bekannt geworden waren, später ihre Geistererscheinungen widerriefen. Viel wichtiger ist, dass im Verlauf dieser Betrugsgeschichte „der Spiritualismus intentional modernisierend tätig“ geworden war und entscheidend zur Entstehung des Massenkonsums beigetragen hatte. Während „die Medien von professionellen Promotoren dem Publikum regelrecht feilgeboten“ wurden, mauserte sich die spiritistisch-religiöse Erfahrung „gewissermaßen zum Konsumgut in einem jahrmarktähnlichen Rahmen.“

Nach erfolgter Aufklärung des Himmels durch das Fernrohr und anschließender Implementierung des Jenseits ins Diesseits (Helmut Zander), entwickelte sich um 1900 München zur deutschen Hauptstadt des Okkulten. „Im Zeitalter der Nervosität“ (Joachim Radkau) korrespondieren Séancen, Suggestion und Hypnose mit den Künsten des Tanzes und der Malerei, nicht zuletzt als Ausdruck einer Psychologisierung der Gesellschaft im Umgang mit dem Unbewussten und dessen Wunschvorstellungen. Kaum erstaunlich nehmen die ekstatischen Gebärden des Trancemediums Magdeleine Guipet Formen an, wie sie damals dem wohl insgeheimen wie zeitgemäßen Verlangen nach religiös-dramatischer Überhöhung des Subjekts entsprochen haben mögen. Daneben wird die Fotografie zum Medium der geisterhaften Tiefenschau/Seelenvisite schlechthin – in Deutschland etwa die Dokumentation der weiblichen hysterischen Objekte am Beispiel des hypnotisierten Mediums „Lina“, die Albert von Keller als Vorlage für seine Malerei diente. In England manifestierte sich dies beispielsweise in den Geisterfotografien von John Beattie, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg seine Spätwirkung in einer Reihe von künstlerischen Serienfotos entfaltete, obwohl die „Photographic News“ ehemals geurteilt hatte: „Was die Quelle oder den Ursprung der Bilder betrifft, so können wir keine Muthmassung oder Theorie aufstellen.“

Kurzum, der Gegenstand als auch das Buch bieten viel Platz für weitere Spekulationen. Interessant ist dabei auch, zu sehen, wie sich die Wissenschaft neue Arbeitsbereiche absteckt. An der Publikation wird deutlich, dass die Medientheorie mehr oder weniger zum quasi-phänomenologischen Gesellschaftsbiografen avanciert. So spannend das Feld, so uferlos erscheint es. Und irgendwo ist diese Publikation auch eine Art Offenbarungseid einer politisch korrekten Wissenschaft, die es sich nicht mehr leisten will und kann, Betriebsunfälle der Geschichte wie Betrügereien bei Séancen als nicht der Wahrheit entsprechende Aussagen auszusortieren. Denn ihr erkenntnisreicher Gehalt ist zu hoch.

von RALPH FINDEISEN





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