3D. Zur Theorie, Geschichte und Medienästhetik des technisch-transplanen Bildes



Autoren:
Jens Schröter

Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2009
ISBN-Nr.: 978-3-7705-4739-5

Jeder hat schon mal eine Stereoskopie oder eine Holographie gesehen – und sich über den seltsamen räumlichen Eindruck dieser Bilder gewundert. Doch was ist die Geschichte der ›dreidimensionalen Bilder‹? Wo kommen sie her, welche Funktionen hatten sie und warum sind sie kaum Gegenstand der kunst- wie medienwissenschaftlichen Forschung? Die transplanen Bilder werden im 20. Jahrhundert für diverse Praktiken – die militärische Luftaufklärung, die Arbeitswissenschaft, die Naturwissenschaften, die Medizin etc. – immer wichtiger, eben weil sie mehr Rauminformation liefern können. Überdies hinterlassen sie auch im weitläufigen Gelände der Kunst ihre Spuren. Die bislang kaum in den Blick genommene Geschichte der transplanen Bildformen, ihrer Genese, Implikationen, Funktionen und Ästhetiken wird hiermit vorgelegt.




Rezensionen:


erschienen in: MEDIENwissenschaft, 2010/01

Seit der Proklamation des pictoral oder iconic turns haben sich die Geistes- und Sozialwissenschaften mit verstärkter Aufmerksamkeit dem Bild gewidmet. Vor allem in den Kulturwissenschaften hat sich unter Einbezug von kunst- wie medien- wissenschaftlichen Ansätzen eine wissenschaftstheoretische Aufarbeitung unter der Bezeichnung Visual Culture etabliert. Das Bild hat seinen Status als reiner Transporteur von Inhalten aufgegeben und rekonfiguriert sich.als .eine eigenständige Entität neu, welche das Denken in der (Post-)Moderne, orientiert um virtuelle Paradigmen, nachhaltig zu bestimmen scheint. (Vgl. Wllliam lT. MltchelI: Picture Theory. Essays on Verbal and Visual Representation [Chicago 1994]) Auch der Raum hat im Zuge der Benennung eines spatial oder topographical oder topological turns nahezu zeitgleich einen ebenso erhöhten Aufmerksamkeitsschub in den Geistes- und Sozialwissenschaften erfahren. (Vgl. Jörg Döring, Tristan Thielmann (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften [Bielefeld 2008]) Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht verwunderlich, dass die Wenden in Bezug auf Bild und Raum miteinander in Verbindung gebracht werden. Wie produktiv das gleichzeitige Verfolgen von bild- und raumwissenschaftlichen Interessen sein kann, zeigen die beiden vorliegenden Publikationen, die im Umfeld des Forschungskollegs 615 "Medienumbrüche" an der Universität Siegen entstanden sind.

Der von Gundolf Winter, Jens Schröter und Joanna Barck herausgegebene Band Das Raumbild. Bilder jenseits ihrer Flächen bildet ein interdisziplinäres Spektrum aus den Bereichen Kunst-, Kultur-, Literatur-, F.ilm- und Medienwissenschaft ab, indem Bilder im Hinblick auf ihre Räumlichkeit thematisert werden. Raumbild' ist in diesem Fall der Oberbegriff, unter welchem "räumliche Bilder ~ z.B. Skulputen oder Globen" wie ,transplane Bilder', "worunter Bildphänomene rubriziert werden, die noch auf Bildflächen beruhen, aber dennoch mehr Rauminformation liefern als ein linearperspektivisches Bild [...]" (S.15), verstanden werden. Der Band ist in die Bereiche "Plastische Raumbilder", "Malerische Raumbilder", "Analoge und digitale Raumbilder" sowie "Diskurse des Raumbilds" unterteilt. Der Begriff Raumbild ist mithin ein breit angelegter Terminus, der Skulpturen, Kunstinstallationen, das räumliche Darstellungsspektrum in der Malerei, im Film, im Computerspiel, in der Stereoskopie und in der Holographie beinhaltet. Dabei werden von den Autoren die künstlerischen Charakteristika, aber auch spezifische medientechnische Bedingungen in den Blick genommen. Hier sticht meiner Meinung nach besonders der Aufsatz von Jochen Venus hervor, der mit dem Terminus ,Raumbild' die Möglichkeit sieht, die Bildwelten in Video- und Computerspielen adäquat(er) zu beschreiben. Die Raumbilder der Computerspiele (die Venus in Anlehnung an Jens Schröter als "ästhetisch-transplane Bilder" [S.264] beschreibt) seien vor allem angesichts ihrer Fähigkeit einer "nachspürbaren Inszenierung subjektiven Raurnerlebens" (ebd.) zu betrachten, welche auf den spezifisch ,medialen Charakter der Bilder' (der in den Debatten vornehmlich um- Bilder technisch-apparativer Medien paradoxerweise gerne in den Hintergrund rückt) zurückzuführen sei. In Anlehnung an Lambert Wiesing beschäftigt sich Venus mit einer für ihn konstitutiven Normativität der (Raum-)Bilder, die er in seinem Konzept in Verbindung mit einer Simulation von Selbsttätigkeit zu sehr interessanten Ansätzen zusammen führt, die Anknüpfungspunkte für weitere Auseinandersetzungen bieten.

Mit seiner Habilitationsschrift 3D. Zur Geschichte, Theorie und Medienästhetik des technisch-transplanen Bildes hat Jens Schröter eine sehr detaillierte und fundierte Studie vorgelegt, die sich mit der Entwicklung, Transformation, Funktion und Ästhetik von Bildern beschäftigt, die zwar noch auf Bildflächen beruhen, jedoch gleichzeitig mehr Rauminformation liefern (also technisch-transplane Bilder). Zunächst setzt sich Schröter dabei mit Jonathan Crarys Techniques 01 the Observer (Cambridge/MA 1990) auseinander und zeigt Widersprüche in dessen Ansätzen auf- z.B. die ambivalente Position der Fotografie in Crarys Buch oder die Behauptung, die Stereoskopie verschwinde um 1900. Letzteres wird von Schröter vehement bestritten: "Die stereoskopische Betrachtungsweise mag zwar durch die Konkurrenz mit der ab 1889 bestehenden Möglichkeit, selbst Fotos zu machen, mit dem Aufkommen der Fotopostkarte und dem Kino als populäres Medium aus den Wohnzimmern verschwunden sein. Aber aus der europäischen und amerikanischen Kultur verschwindet es mitnichten!" (S.2l) In seiner Rhetorik des radikalen Bruchs vom ,klassischen Regime des Sehens' zum ,modernen Regime des Sehens' ignoriere Crary, dass ein altes nicht durch ein neues Sehregime restlos abgelöst werde, sondern dass das ältere in modifizierter Form im neuen fortbestehe. Weiterhin kann "das Sehregime der Moderne nicht als ein homogener Block" verstanden werden. "Vielmehr handelt es sich um eine systematische, von wechselnden Korrelationen und Dominanzen geprägte Koexistenz (mindestens) zweier - es sind mehr - verschiedener Modelle, Modi oder Formen, korreliert mit je verschiedenen, spezifischen Typen technischer Bilder." (S.24) Wobei es Schröter hier nicht darum geht, die von Crary konstatierte Diskontinuität in eine Kontinuität zurück zu verwandeln, sondern beide systematisch und differenziert miteinander zu verbinden. Nach der weiteren Auseinandersetzung mit Crarys Überlegungen und der Befassung mit den vier optischen Serien (geometrisch-optische Serie, physiologisch-optische Serie, Wellenoptik und virtuelle Optik) und dem mit ihnen verbundenem Wissen, beschäftigt sich Schröter mit der Verschränkung von Bild, Optik und Raum(-Wissen). Die gängige Vorstellung vom Bild ist die eines flachen und klar begrenzbaren Gegenstandes. Dies ist vielleicht soweit unproblematisch, wie es entsprechende Termini für ,nicht-flache Bilder' gibt: wie bspw. Skulptur, Architektur, Installation, Relief usw. Aber wie verhält es sich zum Beispiel beim ,3D-Bild'? Es gibt eben Phänomene, die Bild sind, aber auch gleichzeitig zusätzliche Rauminformationen liefern: "Die Verdopplung der Fläche in der Stereoskopie; die holographische Platte als..Durchgang-der-Wellenfront in-der Holographie, der durch Navigation erschließbare, aber auf dem flächigen Screen präsentierte virtuelle Raum; die rotierende Fläche in der Volumentrie..." (S.53) Mithin technisch-transplane Bilder. Schröter zeigt in seinem Buch den funktionalen wie künstlerischen Einsatz ebendieser Bilder auf, wie sie mehr Rauminformationen (z.B. in den Naturwissenschaften, in der Luftaufklärung oder in der Medizin) liefern, aber auch spezifische Ästhetiken im künstlerischen Umfeld ausbilden. Interessant ist hierbei, dass im Zuge transplaner Bildverfahren Technologien wieder auftauchen, die in der Mediengeschichte oft als verschwunden oder bestenfalls nur randständig beschrieben wurden; wie eben auch das Stereoskop, dass u.a. in Datenbrillen von Kampfpiloten, in der Medizin und in Computerspielen ,weiterlebt'. (Vgl. S.326 [hier werden noch weitere Beispiele auch anderer ,randständiger oder scheinbar verschwundener' Technologien genannt])

Jens Schröters Buch 3D. Zur Geschichte, Theorie und Medienästhetik des technisch-transplanen Bildes wie auch der Band Das Raumbild. Bilder jenseits ihrer Flächen von Gundolf Winter, Jens Schröter, Joanna Barck bilden überaus interessante Thesen und Aspekte ab, die für ein bildwissenschaftliches Arbeiten fruchtbare Ansätze liefern und den jüngst entbrannten Diskurs um das Bild kreativ und produktiv erweitern. Auch wenn sich in der Habilitationsschrift von Schröter und dem Herausgeberband, an dem er nun auch beteiligt war, ab und an Überschneidungen ergeben, sind diese als nur marginal zu betrachten, bildet der Band Das Raumbild doch ein breites Spektrum ab, während 3D eine sehr verdichtete und fokussierte Studie zum technisch-transplanen Bild darstellt.

von Sven Stollfuß (Marburg)





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