Jg.2 H.1 2002

Jahrgang 2, Nummer 1


Herausgeber:

Fach Medienwissenschaft
im Fachbereich 3 der Universität Siegen



ISSN-Nr.: 1619-1641



Inhalt:


Michael Lommel
Stimme und Blick


Don De Lillo

In the ruins of the future



Friedrich Balke
Araber, Schakale und Europäer


Michael Lackey
God. The epestimological structure of decei


Jürgen Link
Normalität und Denormalisierung


Danny Schechter

The "turbanators" and the terrorists



Thomas Tode
Ein Bild ist ein Argument


Sonja Kitz
Digitalisierung und Wahrnehmungswandel


Martin Werle

Screening the Past





Abstracts:







Michael Lommel
Stimme und Blick

Das Verhältnis von Stimme und Blick, von Hören und Sehen ist paradox. Sie sind nicht-isolierbar miteinander verbunden, bilden jedoch kein Ganzes, sondern eher die Fusion eines Risses. Die Paradoxie synästhetischer Kombinationen zeigt der Tonfilm. Denn so, wie man sich das im Radio Gehörte bildlich vorstellt, kann man auch den Ton im Tonfilm "sehen". So wie man in Munchs Bild den stummen Schrei "hören" kann, evozieren auch die Bilder im Tonfilm eine akustische Imagination. Synästhetik bezeichnet das Vermögen, zugleich mit den Augen zu hören und mit den Ohren zu sehen - zugleich impliziert sie eine aporetische Kostellation. Deren Paradoxie offenbart sich, wenn die visuelle Vorstellung, die eine Stimme im Film evoziert, nicht dem entspricht, was man in den Bildern des Films erblickt.




Friedrich Balke
Araber, Schakale und Europäer

Wie ist der Hass der Attentäter, also nach Nietzsche des ressentimentalen Menschen, in Relation zur Macht des Gehassten, also zur USA, zu erklären? Die überlegene Macht - bei Nietzsche repräsentiert durch die "Vornehmen" und die "reinen" Naturen - herrscht in Kafkas Erzählung Araber und Schakale über ihre Feinde mit einer zweigeteilten Strategie: ihrer gleichzeitigen Bestrafung und Alimentation. In diese Beziehung verstrickt sich der Europäer, der sich nicht wie der Mächtige in Kenntnis seiner Überlegenheit sicher fühlen kann, sondern allein aufgrund seiner Ahnungslosigkeit, die in seinem Humanitarismus Ausdruck findet.




Michael Lackey
God. The epestimological structure of decei

In einer Epistemologie des Glaubens sind gefährliche Strukturen verankert. In der Geschichte des Abendlands und nicht zuletzt in der der Vereinigten Staaten hat der Glaube an ein unantastbares transzendentales System immer wieder Grausamkeiten gegen Menschen und Vergehen gegen grundlegende Menschenrechte legitimiert. Nietzsche, Sartre, Foucault u.a. setzen dem christlichen Weltbild ein säkularisiertes Weltbild entgegen, dem die Annahme zu Grund liegt, dass alle "Wahrheiten" gesellschaftliche Konstrukte sind, d.h. im Kontext unterschiedlicher kultureller Interessen konstruiert werden. So verstanden, wurden die USA nie säkularisiert; im Kern blieben sie religiös, betrachten sich die Amerikaner in ihrer Mehrheit als auserwähltes Volk. In dieser Überzeugung wurzelt eine Kraft, die ihrem kulturellen Imperialismus Dynamik verleiht, sie aber gleichzeitig daran hindert, die fatalen Folgen ihrer ökonomischen, politischen und kulturellen Strategien zu erkennen.




Jürgen Link
Normalität und Denormalisierung

Normalität ist Sicherheit - das haben wir deutlich verspüren können, als uns die Terroranschläge vom 11. September jäh aus unserem Normalspektrum zwischen den positiven und negativen Extremen rissen. Seither zwingt uns der manifeste und latente "Neokrieg gegen den Terror" zu einem Leben in gespaltenen Normalitäten und setzt uns beständig dem Risiko einer Mega-Denormalisierung aus. Mit ihm wächst die Gefahr eines Rückfalls in den Protonormalismus, der - von einem binären Freund-Feind-Denken geprägt - mit einer strengen Exklusion vermeintlicher Anormaler einhergeht. Zu verhindern ist ein solches Szenario nur durch einen öffentlichen Diskurs über den "Neokrieg" und die Konstruktion von Feindbildmechanismen in der Zivilgesellschaft und in den Massenmedien.




Thomas Tode
Ein Bild ist ein Argument

In seinen filmtheoretischen Reflektionen beschreibt Hans Richter - Filmavantgardist der Weimarer Republik - Tradition und Wesen des essayistischen Films, der, als eine neue Form des Dokumentarfilms, auf die komplexen Strukturen einer industrialisierten Lebenswelt Antworten und Orientierung zu geben versucht. Dabei bringt der Essayfilm Ästhetik und Stilmittel seiner Vorgänger - des deutschen "abstrakten Films", der französischen Avantgarde sowie des russischen Revolutionsfilms - in eine neue, assoziativ operierende Form. Die Montage differierender Bildebenen sowie die Delinearisierung der filmischen Organisation lösen die gewohnte Konzeption von Raum und Zeit auf, so dass das Bild zum Argument und die moderne Lebenswelt transparent wird (werden kann).




Sonja Kitz
Digitalisierung und Wahrnehmungswandel

Die Art, wie wir unsere (Um-)Welt über die Augen wahrnehmen, ist durch technische, soziale und kulturelle Entwicklungen einer Evolution des Sehens unterworfen. In einer "Kultur der Visualität", in der der Sehsinn Priorität besitzt, liefern uns die entmaterialisierenden Möglichkeiten der Digitalisierung eine Unzahl von Bildern, zu denen es in der Realität keine Entsprechung mehr gibt: Wir sehen, was es nicht gibt, und Illusion und Realität sind auf der Leinwand kaum noch zu unterscheiden. Wie ist diesem Derealisierungsschub zu begegnen - und welche Chancen eröffnet die Digitalisierung in der Zukunft?

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